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Ampel rot und guter Groove


Schon wieder Rot.

Natürlich. Immer dann, wenn’s eilig ist.

Ich bin spät dran, wie eigentlich immer, wenn ich mir einrede, ich hätte noch „eh genug Zeit“.


Also sitze ich da – Auto, zweite Spur, Fensterscheiben halb beschlagen vom herbstlichen Morgendunst, Kaffee im Becherhalter, Kopf schon längst im nächsten Termin.

Und plötzlich… Bewegung im Augenwinkel.


Zwischen den Autos taucht sie auf.

Eine junge Frau, Kopfhörer auf, tanzend. Nicht so peinlich-tanzend, wie man’s manchmal sieht, sondern wirklich im Groove. Locker, leicht, fast so, als wäre der Asphalt ihre Bühne und das Hupkonzert der Stadt die Begleitband.

Ich grinse. Muss man ja erstmal bringen – so eine Montagsperformance mitten im Verkehr.


Sie kommt näher.

Zuerst denke ich, sie will durch – aber nein, sie bleibt direkt bei meinem Fenster stehen, macht so eine kleine Handbewegung, dieses „Fenster runter, bitte“.

Ich zögere kurz. Vielleicht will sie was verkaufen. Oder singen.

Aber gut – neugierig war ich schon immer.


Fenster runter.


„Für dich!“ sagt sie und drückt mir einen kleinen gefalteten Zettel in die Hand.

Kein Wort mehr.

Nur ein Lächeln, das man irgendwie spürt, auch wenn’s halb von einem Kopfhörer verdeckt ist.


Ich will schon fragen: „Was ist das?“ – aber in dem Moment nickt sie im Takt, tippt mit dem Finger in die Luft und ich hör mich sagen:

„Was hörst du da eigentlich?“


Sie lacht.

„Kygo. Remix. 2025-Edition.“ „Klar,“ sag ich. „Klingt… voll chillig.“

Sie grinst, macht Daumen hoch, tanzt weiter – vorbei an der nächsten Reihe Autos.


Ich bleibe zurück.

Ampel wird grün, natürlich. Ich leg den Zettel neben den Kaffee, fahr los.

Irgendwie denk ich: nette Aktion, verrückte Welt.


Ein paar Straßen später – wieder Rot. Natürlich.

Und da fällt mir der Zettel wieder ein.

Ich falte ihn auf. Ganz schlicht, in blauer Tinte, steht da:

„Vergiss nie – du bist ein wertvoller Mensch. Niemand anderer bestimmt deinen Wert.“

Ich les das zweimal. Vielleicht dreimal.

Dann muss ich lachen.

Erst über mich – weil ich kurz sentimental werde. Und dann über die Situation.

Vielleicht war’s ein Uni-Experiment einer Psychologie-Studentin.

Oder einfach jemand, der beschlossen hat, gute Laune zu verteilen wie andere Flyer für die neue Pizzeria.


Aber egal was es war – es hat funktioniert.

Ich hab´s richtig gespürt.

Die Musik, die ich gar nicht hörte.

Das Grinsen, das blieb.

Und die Ampel, die jetzt wieder grün wurde, fast so, als würde sie sagen:

Na los – weiterfahren. Wird ein guter Tag.


Ich sag, wie’s ist:

Es war ein guter Tag.

Ich denke der Zettel will mir sagen: Auch wenn es Menschen gibt, die mich vielleicht nicht, nicht mehr oder nie wertvoll finden oder fanden – sie bestimmen nicht meinen Wert. 🌤️

 
 
 

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