Der stille Irrsinn, den man schluckt
- Christoph

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt Dinge im Leben, die hält man für unlogisch.
Andere für übertrieben.
Und dann gibt es diese ganz besondere Kategorie:
Dinge, die man für komplett schwachsinnig hält –
aber trotzdem machen muss.
Nicht, weil sie sinnvoll wären.
Nicht, weil sie einem einleuchten.
Nicht, weil man plötzlich denkt:
„Ah ja, stimmt, das ist ja genial gelöst.“
Sondern weil sie sonst… nichts bringen.
Und genau dort beginnt der eigentliche Irrsinn.
Man weiß, dass es Unsinn ist.
Man sieht es schwarz auf weiß.
Man könnte es erklären.
Man könnte es sehr gut erklären.
Man könnte mit Logik kommen, mit Erfahrung, mit gesundem Menschenverstand.
Aber genau der ist hier nicht gefragt.
Denn es geht nicht darum, ob etwas Sinn macht.
Es geht darum, dass es gemacht wird.
Exakt so.
In genau dieser Reihenfolge.
Mit genau diesen Vorgaben.
Und bitte ohne Fragen.
Das Absurde daran ist:
Man muss dabei auch noch so tun, als würde man das alles völlig nachvollziehen.
Man nickt.
Man lächelt.
Man sagt Sätze wie:
„Ja, klar, verstehe ich.“
Oder:
„Natürlich, das ist kein Problem.“
Während im Kopf längst ein anderes Gespräch läuft.
Eines, in dem man sich fragt, wann genau gesunder Menschenverstand eigentlich als Störfaktor eingestuft wurde.
Es sind diese Momente, in denen man merkt, dass man nicht an einer Aufgabe arbeitet,
sondern an einem Ritual.
Ein Ritual der Form.
Der Vorgabe.
Der Ordnung um der Ordnung willen.
Es ist wie ein Tanz,
bei dem alle wissen, dass die Musik grausam ist –
aber niemand wagt, sie abzustellen.
Und das Perfide ist:
Je absurder die Vorgaben werden,
desto ernster werden sie genommen.
Und während man das alles macht,
merkt man, wie sich langsam etwas aufbaut.
Nicht Wut.
Noch nicht.
Eher so ein inneres Kopfschütteln.
Dieses leise, konstante:
„Das kann doch nicht euer Ernst sein.“
Aber man macht weiter.
Weil man etwas will.
Nicht Ruhm.
Nicht Applaus.
Nicht Bewunderung.
Sondern einfach nur die Berechtigung, weiterzugehen.
Und genau das ist der Punkt,
an dem der Irrsinn seine volle Kraft entfaltet.
Man weiß, dass man sich verbiegt.
Man weiß, dass man Dinge tut, die man selbst nie verlangen würde.
Man weiß, dass man das alles eigentlich besser könnte.
Aber man tut es trotzdem.
Nicht aus Schwäche. Sondern aus Pragmatismus.
Weil man gelernt hat, dass Widerstand hier nichts bringt.
Dass Diskussionen ins Leere laufen.
Dass Logik keinen Platz hat, wenn das System längst beschlossen hat, wie es funktionieren will.
Und dann kommt dieser Moment, in dem man sich selbst zuhört.
Wie man Sätze denkt wie:
„Na gut, dann halt so.“
Oder:
„Es ist ja eh nur für jetzt.“
Und genau da wird es gefährlich. Nicht, weil man aufgibt.
Sondern weil man beginnt, den Irrsinn zu normalisieren.
Man lernt, ihn nicht mehr zu hinterfragen.
Man lernt, ihn effizient abzuarbeiten.
Man lernt, ihn zu akzeptieren.
Und irgendwann merkt man:
Das eigentliche Ziel ist gar nicht mehr das Ergebnis.
Sondern das Durchhalten.
Bis man endlich wieder Dinge tun darf, die Sinn machen.
Die logisch sind. Die einen nicht innerlich anschreien.
Und trotzdem – man geht da durch.
Weil man weiß:
Danach ist wieder Luft.
Danach ist wieder Freiheit.
Danach ist wieder Raum für Denken.
Ich sag wie’s ist:
Manchmal ist der größte Irrsinn nicht das System.
Sondern dass kluge Menschen es stillschweigend am Laufen halten müssen,
um irgendwann wieder klug sein zu dürfen.
Und das ist vermutlich die absurdeste Regel von allen.



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