An meinem Strand gibt´s kein LinkedIn
- Christoph

- 31. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Öffentliche Strände sind kein Ort, sie sind ein Zustand. Ein Zustand des wahren Lebens. Nicht das auf Hochglanz polierte, sondern das echte.
Es liegt nicht daran, dass sie gratis sind – ganz ehrlich: ich würde gutes Geld dafür bezahlen, wenn sie so blieben, wie sie sind. Aber das Schöne ist: hier brauchst du keine Liegestühle, die schon um 5:30 Uhr früh mit einem Handtuch des HSV, von Inter Mailand oder Tottenham belegt sind, obwohl es streng verboten ist. (Natürlich immer von denselben Helden, die glauben, ein Liegetuch sei eine Art notarielle Besitzurkunde.)
Am öffentlichen Strand bist du einfach, wer du bist. Ohne Filter. Ohne Fragebogen. Niemand fragt dich nach zwei Sätzen Smalltalk gleich, was du beruflich tust. Niemand interessiert sich für deine Visitenkarte oder dein LinkedIn-Profil. „Ich bin so reich, ich bin so schön“ wirkt hier nicht glamourös, sondern einfach nur peinlich. Im Gegensatz zu den Privatstränden, abgezäunt wie im Zoo. Will ich das? Nein. Wir sind doch schon genug nur unter uns. Schön wenn man mal zumindest ein paar Stunden in der Realität bleibt. In Italien sagt man dazu: Basta.
Und ja, vielleicht ist der Strand nicht der schönste. Vielleicht steht unter der Woche plötzlich ein Lastwagen 50 Meter hinter dir, weil er den Supermarkt beliefert. Aber meistens liefert er nichts, sondern der Fahrer schlendert gemütlich in die kleine Bar am Strand, weil er sich mit zwei Freunden auf einen schnellen Espresso verabredet hat. So ist das wahre Leben – und genau das macht es schön.
Kinder? Auch hier ist es anders. Hier müssen sie nicht mit iPads ruhig gestellt werden, hier spielen sie einfach. Sie graben im Sand, rennen durchs Wasser, erfinden Geschichten ohne KI und Fortnite. Und vielleicht trampeln sie auch direkt über unser Badetuch. Weil´s egal ist. Einzige Bedingung: rechtzeitig nach Hause, weil die Oma gekocht hat. Und die Oma versteht keinen Spaß. Sie ist nicht nur die Herrscherin der Familie, sondern auch die Einzige, die bei Tisch wirklich Basta sagen darf – und alle nicken ehrfürchtig. Basta die zweite. Oder, wie man in Spanien sagen würde: Basta ya!
Ach ja und weil ich vor kurzem im Veneto zu Besuch war. Da gibt es noch die andere Seite meiner Strandliebe. Die mondänen Badeanstalten an der oberen Adria – kleine Zeitreisen in die K&K-Monarchie. Eintrittskarten, Reihen bis 37, perfekte Ordnung, blaue Sonnenschirme im Jugendstil. Dort lernst du, dass Schönheit auch im Ritual liegt. Der Bademeister dort ist kein Lifeguard in roter Baywatch-Hose. Er ist 62, trägt ein schneeweißes Poloshirt, und wenn er ins Wasser steigt, schwimmt er gegen dich wie Michael Phelps. Nebenbei erinnert er dich vielleicht an Ian Thorpe, den „Thorpedo“. Zusammen um die 40 Goldene bei Olympia. Nur dass er nichts davon heraushängen lässt.
Und nebenbei dort trifft sich fast alles...bis auf die die wirklich nur unter sich bleiben wollen.
Ja mit Verlaub. Das sollen sie dann auch 😂
Das ist vielleicht das Geheimnis dieser Orte: hier ist jeder einfach er selbst. Ob am chaotischen Stadtstrand mit Lieferwagen und Oma-Basta oder am Jugendstilstrand mit Bademeister-Philosophie.
Und wenn ich sehe, wie frei und ungefiltert das hier läuft, dann frage ich mich manchmal: warum funktioniert das im echten Leben nicht genauso? Warum brauchen wir IOS 200.5, Dresscode und künstliches Lächeln, wenn wir uns doch genauso gut in Badehose begegnen könnten? Vielleicht wäre unsere Gesellschaft ein Stück ehrlicher, wenn wir uns alle mal öfter wie am Strand benehmen würden – und nicht wie in einem Bewerbungsgespräch oder auf einem Symposium, wo jeder weiß wie die Zukunft werden wird, jedenfalls nicht rosig - hat man sich ja schon das letzte mal erzählt.
Ich sag, wie’s ist.
Und genau deshalb liebe ich öffentliche Strände: Sie sind wie das Leben selbst – manchmal wild, manchmal geordnet, aber immer echt. Und ja ich möchte jetzt auch ganz ehrlich sein: Manchmal, aber wirklich nur manchmal möchte ich auch einfach unter uns bleiben😀😂😉



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