Artensterben im Stiegenhaus
- Christoph

- 20. Feb.
- 2 Min. Lesezeit

Ich war unlängst in einem öffentlichen Gebäude.
So einem, das nach Akten riecht, nach Geschichte, nach “bitte ziehen Sie eine Nummer” und nach einer gewissen institutionellen Resignation, die man nicht sehen, aber fühlen kann.
Ein Gründerzeithaus.
Hohe Decken.
Jugendstil-Elemente.
Doppelte Schwingtüren.
Ein paar ehrwürdige Stufen.
Und ganz vorne – diese massiven, schweren Eingangstüren, die eher Portal als Tür sind.
Ich war in Gedanken.
Gedanken über diese Anstalt des öffentlichen Wahnsinns mit Methode, die ich gerade verlassen hatte. Formulare. Fristen. Vorschriften.
Kurz gesagt: mein innerer Kommentar lief auf Hochtouren.
Ich schiebe also die schwere Schwingtür auf – und plötzlich zieht jemand an mir vorbei.
Eine Frau.
Schneller Schritt.
Eleganter Mantel.
Zielgerichtet.
Und ehe ich überhaupt realisiere, was passiert, hält sie mir die Tür auf.
Mir. Ich sage reflexartig: „Danke.“
Gehe hinter ihr die paar Stufen hinunter – und in meinem Kopf passiert es.
Es schießt ein Gedanke ein wie ein Blitz.
Gnädige Frau.
Ich sage es tatsächlich.
„Gnädige Frau!“
Sie bleibt stehen.
Ich husche – mit einer Mischung aus Panik und altem Benimmregelwerk – an ihr vorbei, reiße die große Eingangstür auf und halte sie ihr auf.
„Entschuldigen Sie bitte.“
Sie tritt hinaus.
Wir stehen im Freien. Sie grinst.
Ich sage – leicht verlegen, aber überzeugt:
„Es tut mir leid.“
Ihre Augen kneifen sich ein wenig zusammen.
Dieser Blick, der sagt: Was genau tut Ihnen leid?
„Wie unhöflich von mir“, erkläre ich weiter.
„Was für ein Benehmen, Ihnen nicht die Tür aufzuhalten.“
Sie lacht.
„Alte Schule?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Naja… wie man’s nimmt. Erziehung. Oma. Mama. Man hat mir beigebracht, Türen aufzumachen. Und aufzustehen. Und nicht einfach durchzugehen, als wäre ich allein auf der Welt.“
Sie schaut mich an.
„Süß. Manche Dinge verschwinden ja in der heutigen Zeit.“
Ich nicke.
„Naja… wie es in der Natur halt vorkommt. Heute nennt man das vermutlich Artensterben.“
Sie lacht laut auf.
„Also sind Sie ein geschütztes Exemplar?“
„Seltene Spezies“, sage ich trocken.
„Fast schon museumstauglich. Mit Hinweisschild.“
Sie:
„Bitte nicht anfassen – reagiert empfindlich auf schlechtes Benehmen.“
Ich:
„Und auf automatische Drehtüren.“
Sie bleibt noch einen Moment stehen.
„Keine Sorge“, sagt sie, „ich fand’s sehr angenehm.“
Sie geht ein paar Schritte, dreht sich noch einmal um und sagt:
„Bleiben Sie so.“
Ich zurück:
„Keine Sorge – ich halte nur Türen auf, keine Grundsatzreden.“
Und während ich in die andere Richtung weitergehe, denke ich mir:
Es geht ja nicht um Rittertum.
Nicht um alte Rollenbilder.
Und ganz sicher nicht darum, dass mein Lebenszweck in Türangeln liegt.
Es geht um einen Sekundenbruchteil Aufmerksamkeit.
Um dieses kleine „Ich sehe dich“.
Mehr nicht.
Und wenn man dafür manchmal einen halben Schritt schneller gehen muss –
bitte. Keine große Sache. Nur eine kleine Geste in einer Welt, die sonst ständig
durch alles durchrennt.
Ich sag wie’s ist:
Wenn das schon als altmodisch gilt, dann trag ich es halt wie einen gut sitzenden Mantel. 😌



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