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Die neue Weiblichkeit


In letzter Zeit stolpere ich über ein Thema, das sich erstaunlich elegant, weich formuliert und fast schon poetisch in Gespräche einschleicht.

„Die Weiblichkeit leben.“

Ein schöner Gedanke.

Ein warmer Gedanke.

Ein Gedanke, der sich im ersten Moment richtig anfühlt.


Ich habe darüber gelesen.

In Blogs.

In Podcasts.

In Artikeln.

In diesen endlosen, selbstbewussten Social-Media-Posts,

die so klingen, als hätten sie die Antwort auf etwas gefunden,

das wir alle noch gar nicht ganz verstanden haben.


Und wenn man genau hinhört, wiederholen sich bestimmte Begriffe:


„Feminine Energy.“

„Divine Feminine.“

„Soft Life.“


Es geht um:

Weniger leisten.

Mehr fühlen.

Mehr empfangen statt machen.

Mehr Intuition.

Mehr Ruhe.

Mehr… Weiblichkeit.


Klingt gut. Wirklich. Fast zu gut.

Und genau da beginnt mein Zweifel.


Denn wenn man diese Gedanken ein kleines Stück weiterdenkt,

wenn man sie nicht nur hört, sondern auch übersetzt, dann passiert etwas Interessantes.


Oder vielleicht eher etwas Unangenehmes.

Plötzlich wird aus:

„Du darfst in deine Weiblichkeit kommen“

ein leises:

„Du solltest dich wieder anders verhalten.“

Und noch einen Schritt weiter:

„Vielleicht war es früher doch richtiger.“

Und da wird es für mich schwierig. Denn ganz ehrlich:


Dieses Bild von „Weiblichkeit“ setzt oft etwas voraus,

das längst nicht mehr selbstverständlich ist.

Eine klare Rollenverteilung.

Eine klassische Familie.

Eine Struktur, die für viele Menschen heute gar nicht mehr existiert.


Und trotzdem wird darüber gesprochen, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.


Noch spannender – oder sagen wir: irritierender – wird es, wenn plötzlich Argumente kommen, die sich irgendwo zwischen Religion und Evolution bewegen.


Dann heißt es:


„Das war schon immer so.“

„Das ist in der Natur so.“

„Schau dir die Tierwelt an.“


Und da sitze ich dann manchmal und denke mir:


Warte mal kurz.

Wir leben in einer hochkomplexen, sozialen, kulturellen Gesellschaft –

und erklären menschliche Rollenbilder mit Verhaltensmustern aus dem Tierreich?

(nebenbei denk mal genau über das Tierreich nach..aber egal jetzt...)


Und das oft von Menschen, die gleichzeitig sehr klare, teilweise religiöse Weltbilder vertreten?


Das ist nicht nur widersprüchlich.

Das ist… zumindest diskussionswürdig.


Und genau hier kommt für mich ein Gedanke dazu,

der mir nicht mehr ganz aus dem Kopf geht:


Manipulation.

Ich glaube, dass dieses Thema nicht nur ein harmloser Trend ist.

Sondern dass es auch benutzt wird.


Von Männern, die darin eine Möglichkeit sehen, Kontrolle zurückzugewinnen.


Nicht laut.

Nicht offensichtlich.

Sondern subtil.

Verpackt in schöne Worte.


In Konzepte wie „Energie“, „Natürlichkeit“, „Balance“.


Aber auch von Frauen, die diesen Gedanken vielleicht ehrlich gut finden.

Die darin Ruhe sehen.

Klarheit.

Eine Art Gegenbewegung zu einer Welt, die oft laut, schnell und überfordernd ist.


Und das kann ich verstehen. Wirklich.


Aber genau da liegt vielleicht die Gefahr. Wenn ein Gedanke gut klingt, heißt das noch lange nicht, dass er auch gut ist. Und wenn etwas einfach wirkt, ist es oft nur deshalb einfach, weil es komplexe Realität ausblendet. Was mich dabei beschäftigt, ist weniger die Frage, ob Weiblichkeit „gelebt“ werden soll.


Sondern:

Wer definiert eigentlich, was das bedeutet?

Und noch wichtiger:

Wem nützt diese Definition?


Denn sobald jemand beginnt, dir zu erklären, wie du „richtig“ bist… sollte man zumindest kurz innehalten.


Vielleicht geht es gar nicht um Weiblichkeit.

Vielleicht geht es auch nicht um Männlichkeit.

Vielleicht geht es um etwas viel Einfacheres.


Und gleichzeitig viel Schwierigeres.

Respekt.

Würde.

Und die Freiheit, sich nicht in eine Rolle drücken zu lassen, die gerade gut klingt.


Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen unsicher sind, auf der Suche, orientierungslos zwischen Möglichkeiten… sind einfache Antworten besonders verlockend.


Und genau deshalb sollte man bei ihnen besonders vorsichtig sein.

Ich glaube nicht, dass wir zurück müssen.

Ich glaube auch nicht, dass wir uns neu erfinden müssen.

Ich glaube, dass wir aufpassen müssen.


Darauf, dass aus schönen Worten keine stillen Erwartungen werden.

Und aus Erwartungen keine neuen Zwänge.


Denn am Ende geht es nicht darum, ob jemand „weiblich“ oder „männlich“ lebt.

Sondern darum, wie wir miteinander umgehen.

Und ob wir einander erlauben, zu sein, ohne uns gegenseitig in hübsch verpackte Rollenbilder zu drücken.


Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich daran beschäftigt.

Nicht die Idee an sich.

Nicht der Wunsch nach Ruhe, nach Klarheit, nach einem Gegenpol zu einer lauten Welt.

Sondern die Richtung, in die sich dieser Gedanke entwickeln kann.


Wenn aus „Du darfst“ ein „Du solltest“ wird.

Wenn aus Inspiration eine Erwartung wird.

Und aus Erwartung plötzlich ein stiller Maßstab.


Und ich merke, dass ich genau da vorsichtig werde.


Weil ich glaube, dass wir gerade in einer Zeit leben, in der viele Menschen Orientierung suchen. Und genau in solchen Zeiten sind einfache Antworten besonders gefährlich.


Nicht, weil sie böse sind.

Sondern weil sie zu einfach sind.

Und weil sie oft genau das versprechen, was man gerade hören möchte.


Ich glaube nicht, dass Weiblichkeit das Problem ist.

Ganz im Gegenteil.

Ich glaube nur, dass wir aufpassen müssen, wenn jemand beginnt, sie zu definieren.


Für andere.

Denn sobald jemand sagt, so bist du „richtig“, entsteht automatisch auch die Frage:


Und was bin ich, wenn ich es nicht bin?

Und genau dort beginnt der Druck.

Leise. Unauffällig. Gut gemeint.


Ich sag, wie’s ist:

Mir geht es nicht um alte Rollenbilder.

Und auch nicht darum, neue zu schaffen.

Mir geht es darum, dass wir einander mit Respekt und Würde begegnen.

Und nicht beginnen, uns gegenseitig – gerade in unsicheren Zeiten – in Konzepte zu drücken, die gut klingen, aber am Ende vielleicht nur eines sind:


eine sehr elegante Form von Kontrolle.

 
 
 

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