Bankerl sitzen
- Christoph

- 28. Feb.
- 2 Min. Lesezeit

Bei uns sagt man „Bankerl sitzen“.
Nicht sitzen.
Bankerl sitzen.
Als wäre das eine Tätigkeit. Eine Disziplin. Fast schon olympisch.
Andere joggen. Andere meditieren.
Wir bankern.
Ich habe das heute getan.
Ganz bewusst.
Nicht weil ich müde war. Nicht weil ich auf jemanden gewartet habe. Nicht weil mein Handy keinen Empfang hatte.
Sondern einfach so.
Ein kleines Bankerl am Rand einer Gasse. Metall, leicht kalt, ein bisschen schief. Eines von diesen, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Und vermutlich auch schlechtere.
Ich setze mich.
Und plötzlich passiert – nichts.
Und genau das ist der Punkt.
Vor mir gehen Menschen vorbei.
Ein Mann telefoniert so laut, dass man das Gefühl hat, der Gesprächspartner sitzt drei Bankerl weiter.
Eine Frau balanciert zwei Papiersackerl, eine Handtasche und ihre Geduld.
Ein Kind bleibt stehen, weil es einen Hund entdeckt hat. Der Hund bleibt stehen, weil er mich entdeckt hat. Wir nicken uns zu. Fachpublikum unter sich.
Ich sitze.
Ohne Absicht.
Ohne Agenda.
Ohne „Ich muss noch schnell…“
Und während ich da sitze, merke ich, wie absurd selten das geworden ist.
Wir setzen uns nur noch, wenn es einen Grund gibt.
Warten. Essen. Treffen. Rauchen. Scrollen.
Aber einfach nur da sein?
Bankerl sitzen?
Das ist fast schon subversiv.
Neben mir nimmt ein älterer Herr Platz. Ohne zu fragen. Ohne zu erklären.
Er schaut nach vorne, ich auch.
Nach ein paar Minuten sagt er:
„Heut is ruhig.“ soweit ich es verstanden habe.
Ich nicke.
Obwohl es überhaupt nicht ruhig ist.
Autos fahren vorbei. Ein Fahrrad klingelt. Irgendwo klirrt Glas. Zwei Jugendliche diskutieren über etwas Dramatisches, das in drei Tagen niemanden mehr interessieren wird.
„Ruhig“, wiederholt er.
Und ich verstehe.
Ruhig ist nicht die Straße.
Ruhig ist der Kopf.
Wir sagen nichts mehr.
Kein Smalltalk. Keine Lebensgeschichte. Kein „Und wo kommen Sie her?“
Nur zwei Menschen auf einem Bankerl.
Irgendwann steht er auf.
„Schönen Tag noch.“
Ich nicke wieder.
Und bleibe sitzen.
Ein paar Minuten später vibriert mein Handy.
Eine Nachricht.
Eine E-Mail.
Ein „Hast du kurz Zeit?“
Ich drehe es um.
Heute nicht.
Heute sitze ich.
Und während ich dort sitze, fällt mir auf, wie viel man sieht, wenn man nichts tut.
Die kleine Unsicherheit im Blick einer Frau, die vor einem Geschäft stehen bleibt.
Die winzige Geste eines Mannes, der seiner Partnerin unauffällig den Schal richtet.
Das Lachen von zwei Menschen, die sich offensichtlich schon lange kennen.
Das sind keine großen Geschichten. Das sind Miniaturen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Wir suchen ständig nach dem Spektakulären.
Nach dem Ereignis.
Nach dem „Content“.
Dabei passiert das Leben oft im Vorbeigehen.
Man muss nur sitzen bleiben.
Und dann, ganz am Ende, als ich aufstehen will –
sehe ich, dass jemand ein kleines, vergessenes Stofftier auf das andere Ende des Bankerls gelegt hat. Ganz ordentlich.
So, als hätte es jemand bewusst dort platziert, damit es gefunden wird.
Ich bleibe noch eine Minute.
Falls es jemand sucht.
Ich sag wie’s ist:
Manchmal reicht es, einfach nur da zu sein.



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