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Bitte nichts ins rechte Licht rücken


Es gibt vermutlich zehntausende Sprichwörter.

Manche benutzt man täglich, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

Und dann gibt es diese Momente, in denen ein ganz harmloser Satz plötzlich schwer wird.

„Etwas ins rechte Licht rücken.“

So ein Satz.

Eigentlich völlig unspektakulär.

Bedeutet: etwas richtigstellen. Einordnen. Klarer machen.

Kommunikativ aufräumen. Ein bisschen Staub wischen im Diskurs.


Aber wenn man ihn heute losgelöst betrachtet, ohne Kontext, ohne Erklärung, nur so – als nackte Wortkombination – dann wird mir plötzlich anders.


Ich zumindest will niemanden ins rechte Licht rücken.

Dort sind schon genug.


Und bitte nicht falsch verstehen.

Wer mich kennt, weiß: Mir geht es um den Diskurs. Immer.

Ich liebe es, Dinge zu hinterfragen. Worte zu zerlegen. Bedeutungen freizulegen wie alte Tapeten.


Aber Worte leben nicht im Wörterbuch.

Sie leben im Klima der Zeit.


Und dieses Klima ist… sagen wir… empfindlich.


Wenn heute jemand sagt: „Man muss das ins rechte Licht rücken“,

dann hören viele gar nicht mehr den ursprünglichen Sinn.

Sie hören nur noch „rechts“.

Und zack – Schublade.

Deckel zu.


Das Absurde ist ja:

Wir diskutieren oft nicht mehr über Inhalte, sondern über Assoziationen.


Jemand denkt laut.

Jemand stellt eine Frage.

Jemand beobachtet etwas.


Und plötzlich steht er irgendwo.

Eingeordnet.

Kategorisiert.

Abgelegt.


Nur weil jemand über etwas nachdenkt, heißt das noch lange nicht, dass er sich dort verortet, wo andere ihn hinstellen.


Und ja – das gilt in alle Richtungen.

Für rechts.

Für links.

Für alle, die sofort mit moralischem Fernlicht aufdrehen.


Wenn ich jemanden in eine Ecke dränge – ganz egal welche – dann passiert selten das, was ich mir vielleicht wünsche.

Es entsteht kein Dialog.

Es entsteht Trotz.

„Jetzt erst recht.“

Und das ist ungefähr so hilfreich wie Benzin auf einem ohnehin nervösen Feuer.


Manchmal frage ich mich, ob wir nicht ein bisschen verlernt haben, Dinge einfach zu betrachten.

Nicht gleich bewerten.

Nicht gleich einordnen.

Nicht gleich etikettieren.


Ein Gedanke ist nicht automatisch ein Bekenntnis.

Eine Beobachtung ist kein Parteiprogramm.

Und ein Zitat macht noch keinen Extremisten.


Das Problem ist: Angst verkauft sich besser als Differenzierung.

Und wer laut ist, bekommt Bühne.

Wer leise fragt, bekommt Labels.


Ich brauche nicht recht zu haben.

Wirklich nicht.


Recht haben ist ein sehr kleines Ziel.

Es wärmt das Ego, aber es löst kein einziges Problem.


Ich brauche das Richtige.

Und das Richtige entsteht selten an den Rändern.

Es entsteht im Gespräch.

Im Aushalten.

Im Zuhören.

Im „Moment, erklär mir das noch mal“.


Vielleicht sollten wir also gar nichts mehr in irgendein Licht rücken.

Weder ins rechte.

Noch ins linke.


Vielleicht sollten wir es einfach beleuchten.

Gemeinsam.

Mit einer Lampe, die keine politische Farbe hat.


Klingt banal.

Ist es nicht.


Denn losgelöst von Sprichwörtern bleibt am Ende nur eine Frage:

Wollen wir gewinnen –

oder wollen wir verstehen?


Ich sag wie’s ist:

Ich brauch nicht recht.

Ich brauch’s richtig.

Und zwar für uns alle.


Und wäre das eine Kolumne würde jetzt hier noch am Schluss des Textes stehen:

"Meint ihr Christoph Malloth"

 
 
 

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