top of page

Bla, bla, bla, bla, „Interessant.“



Es gibt Worte, die wirken harmlos.


Unauffällig.

Fast schon freundlich.

So ein bisschen weichgespült, rund, geschniegelt und geschniegelt daherkommend,

wie ein Satz in einem Imagefolder.


Und dann gibt es dieses eine Wort:

„Interessant.“

Ich stand neulich in einer Situation,

in der jemand etwas erzählt hat.


Mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit.

Mit spürbarer Überzeugung.

Mit dieser leicht pathetischen, leicht überhöhten, leicht dramatischen Energie,

die man entwickelt, wenn man selbst glaubt, gerade etwas wirklich Relevantes zu sagen.


Und dann kam sie, die Antwort:

„Interessant.“

Dieses Wort ist ein kleines sprachliches Wunder.

Ein elastisches, dehnbares, hochflexibles, fast schon akrobatisches Konstrukt.

Denn „interessant“ kann alles bedeuten.

Wirklich alles.


Es kann heißen:


„Das ist genial.“

„Das habe ich so noch nie gehört.“

„Das ist klug.“


Oder:

„Ich habe keine Ahnung, was du da gerade gesagt hast.“

„Ich widerspreche dir komplett, habe aber keine Lust auf Diskussion.“

„Ich möchte höflich bleiben und gleichzeitig innerlich flüchten.“


„Interessant“ ist kein Wort.


Es ist ein Gefühlscontainer.

Ein diplomatisches Zwischenlager für Gedanken, die man gerade nicht aussprechen möchte.


Und das Faszinierende ist:

Alle wissen das.

Der, der es sagt, weiß es.

Der, der es hört, ahnt es.


Und trotzdem funktioniert dieses kleine, elegante Schauspiel

jeden Tag, in unzähligen Gesprächen, in Büros, in Cafés, in Meetings,

auf eine fast schon absurd zuverlässige Art und Weise.


Manchmal wird es noch verfeinert. Dann kommt:

„Sehr interessant.“

Oder mein persönlicher Favorit:

„Das ist wirklich interessant.“

Wenn das „wirklich“ dazukommt,

wird es fast schon gefährlich.


Dann bewegt man sich in einem sprachlichen Raum,

in dem Wahrheit und Höflichkeit ein fragiles,

leicht überfordertes Gleichgewicht eingehen.


Ich habe begonnen, darauf zu achten.


Auf Tonfall.

Auf Blickrichtung.

Auf diese minimalen, fast unsichtbaren Nuancen.


Denn „interessant“ ist nicht gleich „interessant“.


Es gibt das neugierige Interessant.

Das höfliche Interessant.

Das überforderte Interessant.

Das innerlich fliehende Interessant.

Und dieses eine ganz spezielle:


Das „Bitte-lass-uns-das-hier-beenden“-Interessant.


Philosophisch betrachtet ist das eigentlich hochspannend.

Denn dieses Wort zeigt etwas, das wir sonst oft sehr gut verstecken:

Unsere Fähigkeit, gleichzeitig ehrlich und unehrlich zu sein.


Nicht aus Bosheit. Sondern aus sozialer Intelligenz.

Oder nennen wir es beim Namen:

Aus Bequemlichkeit mit Stil.


Denn ganz ehrlich:

Wie oft sagen wir wirklich, was wir denken?


Wie oft sagen wir:

„Ich sehe das komplett anders.“

Oder:

„Das überzeugt mich nicht.“

Oder noch ehrlicher:

„Ich habe gerade nicht die Energie für diese Diskussion.“

Stattdessen sagen wir:

„Interessant.“

Ein Wort, das alles offenlässt.

Alles andeutet.

Und nichts festlegt.


Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.

Es eskaliert nicht.

Es bewertet nicht.

Es lässt Raum.


Einen leicht schwebenden, angenehm unverbindlichen,

manchmal sogar charmant ausweichenden Raum.

Aber – und das ist die leise Kehrseite:


Wenn zu viele Gespräche in diesem Raum bleiben,

passiert etwas.

Dann wird Kommunikation… weich.


Unklar. Unentschieden.

Man redet.

Aber man berührt sich nicht wirklich.


Und jetzt kommt der Teil,

der mich ein wenig schmunzeln lässt:


Ich benutze dieses Wort selbst. Natürlich.

Mit Hingabe. Mit Präzision.

Mit einer fast schon bewundernswerten, feinjustierten Anwendung.

Und jedes Mal, wenn ich es sage, denke ich mir:

„Das war jetzt… interessant.“

Ich sag, wie’s ist:

„Interessant“ ist wahrscheinlich das höflichste, eleganteste

und gleichzeitig unehrlichste Wort, das wir haben.

Und genau deshalb benutzen wir es so gerne.


Und manchmal…

klingt es ganz leise so, als würde jemand eigentlich sagen wollen:

„Erzähl’s bitte deinem Frisör. Der hört sich nämlich alles an.“

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page