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Both sides of the story

vor 4 Tagen
5 Min. Lesezeit

Ich habe gestern einen Satz gesagt, für den man mich wahrscheinlich ziemlich schnell irgendwo einsortieren könnte.

„Wir werden euch vermissen, wenn Kickl Bundeskanzler wird.“

So. Mehr braucht es eigentlich nicht. Und auf der anderen Seite dieses kurze Einatmen, bei dem man schon merkt: Oha. Das hat er jetzt wirklich gesagt.


Und wenn man diesen Satz einfach so stehen lässt, könnte man daraus ziemlich viel machen.


Man könnte mich politisch irgendwo einsortieren.

Man könnte sich empören.

Man könnte sich fragen, was für ein Mensch so etwas sagt.


Und genau das ist das Problem. Denn der Satz stimmt. Ich habe ihn gesagt. Aber er erzählt nicht die Geschichte.


Also erzähle ich sie.


Ich war mit Freunden auf einen abendlichen Drink unterwegs. Nichts Besonderes. Einfach zusammensitzen, reden, ein bisschen blödeln. Und dann ist da plötzlich eine Feier von Louis Vuitton. Genau dort, wo wir unseren Drink genommen haben. Nicht unsere Feier. Nicht eingeladen. Wir waren einfach zufällig daneben. Aber natürlich schaut man hin.


Da wurde gefeiert, geredet und gelacht. Und mir fiel auf, dass die Mitarbeiterinnen dort diesen ukrainisch-deutschen Akzent hatten. Und sie wirkten ziemlich selbstbewusst.


Sagen wir es einmal vorsichtig: Es machte nicht unbedingt den Eindruck, als würden sie sich gerade fragen, ob sie eigentlich zur Welt der Mode dazugehören.


Eher im Gegenteil. Die Welt schien ihnen ziemlich gut zu gefallen. Und während die Feier neben uns immer lauter wurde, haben wir an unserem Tisch ein bisschen herumgeblödelt. Nicht mit den Damen von Louis Vuitton. Überhaupt nicht. Wir haben einfach untereinander unsere Scherze gemacht.


Irgendwann wurde es neben uns wieder besonders laut und ich sagte zu den anderen an unserem Tisch:

„Wir werden euch vermissen, wenn Kickl Bundeskanzler wird.“

Alle an meinem Tisch haben gelacht. Und genau da wird es interessant. Denn eigentlich steckt in diesem einen Satz schon viel mehr, als man auf den ersten Blick hört.

„Wir werden euch vermissen.“

Was heißt das eigentlich?

Dass wir die Menschen mögen?

Dass wir glauben, sie würden dann Österreich verlassen?

Dass sie sich hier nicht mehr wohlfühlen würden?

Dass sie vielleicht gar nicht bleiben könnten?


Oder war es einfach nur ein blöder, spontaner Spruch, weil genau dieser Satz in genau diesem Moment funktioniert hat?


Und dann kommt noch der zweite Teil:

„… wenn Kickl Bundeskanzler wird.“

Plötzlich bekommt der Satz eine politische Ebene. Oder zumindest kann er so gelesen werden. Und da rede ich noch gar nicht davon, wie dieser Satz betont wird.

„Wir werden euch vermissen, wenn Kickl Bundeskanzler wird.“

Betonung auf wir – klingt anders.

Betonung auf euch – klingt anders.

Betonung auf vermissen – klingt wieder anders.

Und wenn vor „wenn“ eine kleine Pause kommt, kann plötzlich sogar der ganze Satz eine andere Richtung bekommen.


Das ist das Verrückte an Sprache. Wir schreiben einen Satz hin und tun so, als wäre damit alles gesagt. Ist es aber nicht.


Ein gesprochener Satz hat Tonfall, Tempo, Lautstärke, Ironie, Pausen. Manchmal reicht eine hochgezogene Augenbraue dazu und schon weiß der Gegenüber, dass das gerade vielleicht nicht ganz so gemeint war, wie es auf dem Papier aussieht.


Schreib den Satz auf und du hast Wörter. Sag ihn laut und plötzlich hast du eine Situation. Und genau da beginnt das eigentliche Problem. Denn was jemand sagt und was jemand damit meint, ist nicht immer dasselbe. Und was der eine versteht, muss noch lange nicht das sein, was der andere hört.


Der eine hört Ironie.

Der andere hört eine politische Haltung.

Der nächste hört vielleicht eine Warnung.

Und irgendjemand hört daraus vielleicht sogar eine Aussage über Menschen, Herkunft oder Zugehörigkeit.


Und schon haben wir aus einem Satz vier verschiedene Geschichten gemacht. Obwohl nur einer ihn gesagt hat. Ich finde das ziemlich faszinierend. Und gleichzeitig ziemlich gefährlich. Denn wenn man den Satz weitererzählt, kann man ihn wunderbar verkürzen.

„Christoph hat gesagt: Wir werden euch vermissen, wenn Kickl Bundeskanzler wird.“

Fertig. Jedes einzelne Wort stimmt. Und trotzdem fehlt plötzlich fast alles.


Der Abend.

Der Ort.

Die Menschen.

Die Stimmung.

Das Herumalbern.


Und vor allem die Frage: Was sollte dieser Satz in diesem Moment eigentlich sein? Vielleicht ist das eines der größten Missverständnisse von Kommunikation. Wir glauben oft, dass ein Satz seine Bedeutung bereits in sich trägt. Tut er aber nicht immer.


Bedeutung entsteht auch durch Situation.

Durch Tonfall.

Durch Beziehung.

Durch das, was vorher gesagt wurde.

Durch das, was danach kommt.

Manchmal sogar durch einen Gesichtsausdruck.


Ein Satz kann mit einem Lachen gesagt werden und trotzdem wörtlich verstanden werden. Er kann völlig ernst ausgesprochen werden und trotzdem wie ein Witz klingen. Und manchmal reicht ein einziges Wort, damit sich die gesamte Richtung verändert.


Kommunikation ist eigentlich ein ziemlich kompliziertes Ding. Und wir behandeln sie oft, als wäre sie eine Paketlieferung. Satz rein. Bedeutung raus. Fertig.


Leider funktioniert das nicht so. Schon gar nicht heute. Wir leben in einer Welt aus Screenshots, Überschriften, kurzen Videos und Zitaten, die irgendwo aus einem größeren Zusammenhang herausgeschnitten wurden. Zwölf Sekunden. Das ist ungefähr die Zeit, die ein Mensch heute braucht, um sich eine Meinung zu bilden, bevor er überhaupt weiß, worüber er eigentlich eine Meinung hat.


Keine Ahnung, ob das wissenschaftlich stimmt. Aber es fühlt sich manchmal so an. Und jetzt kommt das eigentlich Interessante:


Die Information muss dafür gar nicht falsch sein. Sie kann vollkommen richtig sein. Mein Satz ist richtig wiedergegeben. Und trotzdem kann das Bild, das daraus entsteht, völlig anders sein als die Situation, in der er gefallen ist. Das ist der Unterschied zwischen einer falschen Information und einer unvollständigen Information.


Eine falsche Information kann man korrigieren. Eine unvollständige Information ist viel schwieriger. Denn die fehlende Hälfte ergänzt unser Kopf. Und unser Kopf ist darin ziemlich fleißig.


Er baut Zusammenhänge.

Er sucht Erklärungen.

Er sortiert Menschen.

Er steckt Dinge in Schubladen.


Wahrscheinlich aus reiner Effizienz. Unser Gehirn hat schließlich auch keine Lust, jedes Mal einen 47-seitigen Kontextbericht anzufordern, bevor es sich eine Meinung bildet.


Sehr verständlich. Aber nicht immer hilfreich. Und dann kommt noch etwas dazu: Manchmal wird auch nur die Hälfte erzählt, weil sich die Hälfte besser verkauft.


Die ganze Geschichte braucht Zeit.

Die halbe passt in eine Überschrift.

Die ganze Geschichte braucht Kontext.

Die halbe braucht einen Satz.


Die ganze Geschichte ist kompliziert.

Die halbe ist schön einfach.


Und Einfachheit funktioniert. Das weiß ich aus meinem Beruf wahrscheinlich besser als mir manchmal lieb ist. Marketing liebt klare Botschaften. Eine Headline muss sitzen.

Ein Bild muss Aufmerksamkeit erzeugen. Eine Botschaft soll möglichst schnell verstanden werden. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes.


Wir können schließlich nicht jede Information in einen 90-minütigen Dokumentarfilm verwandeln. Aber irgendwo zwischen Zuspitzung und Verkürzung liegt ein ziemlich schmaler Grat. Man kann etwas verständlicher machen. Oder man kann so viel weglassen, bis nur noch das übrig bleibt, was gerade gut funktioniert.


Und plötzlich erzählt man zwar nichts Falsches. Aber eben auch nicht mehr die ganze Geschichte. Vielleicht ist deshalb die wichtigere Frage manchmal gar nicht:

„Was denke ich darüber?“

Sondern:

„Was weiß ich eigentlich wirklich?“

Und vielleicht gleich danach:

„Was fehlt mir noch?“

Denn vielleicht kennen wir nur den Satz.

Oder das Foto.

Oder die Überschrift.

Oder diese zwölf Sekunden.


Und machen daraus trotzdem ein vollständiges Bild. Wir urteilen über Menschen, obwohl wir nur einen Satz kennen. Wir beurteilen Situationen, obwohl wir nicht dabei waren. Und manchmal sind wir dabei sogar ziemlich sicher. Das ist wahrscheinlich das Gefährlichste daran. Nicht, dass wir uns irren könnten. Sondern dass wir gar nicht merken, dass wir gerade nur eine halbe Geschichte haben.


Und genau deshalb gefällt mir im Nachhinein dieser ziemlich blöde Satz von mir eigentlich ganz gut. Nicht weil er politisch besonders klug wäre. Das wäre jetzt auch eine ziemlich große Behauptung.


Sondern weil er wunderbar zeigt, wie Kommunikation funktioniert.

Man kann einen Satz hören.

Man kann ihn zitieren.

Man kann ihn verstehen.

Man kann ihn völlig falsch verstehen.


Und irgendwie kann alles gleichzeitig passieren. Vielleicht sollten wir deshalb manchmal einen kleinen Schritt zurückgehen.


Nicht sofort urteilen. Nicht sofort einordnen. Nicht sofort wissen, was jemand „wirklich“ gemeint hat. Einfach noch einmal fragen: Was war eigentlich davor? Und: Was war danach? Denn manchmal fehlen nicht die Fakten. Es fehlt nur die Geschichte dazwischen.


Ich sag, wie’s ist:

Ein Satz kann vollkommen wahr sein und trotzdem eine völlig falsche Geschichte erzählen.

 
 
 

3 Kommentare

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Sarah
vor 4 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Das hast du tatsächlich gesagt? dazu hätte ich jetzt gern tatsächlich deine Betonung in der Situation. Liebe Grüße und auf bald! Sarah

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Laura
vor 4 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Männerabend…ich kann mir dich lebhaft vorstellen… 😂 und die Hälfte hat‘s nicht verstanden… aber das tue ich auch nicht immer bei dir😉

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Christoph
vor 4 Tagen
Antwort an

Ich sag dazu gar nix😉

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