die Sache mit dem Dating
- Christoph

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt Gespräche, bei denen man irgendwann feststellt, dass man selbst eigentlich gar nichts beitragen kann. Nicht weil man nichts zu sagen hätte. Sondern weil man vom Thema schlicht keine Ahnung hat. So ein Gespräch hatte ich unlängst mit einem Freund.
Irgendwann kamen wir auf Datingplattformen.
Warum, weiß ich übrigens nicht mehr. Das ist bei Gesprächen mit Freunden manchmal so. Man beginnt bei einem Thema und landet zehn Minuten später irgendwo, wo man beim besten Willen nicht mehr sagen kann, wie man eigentlich dorthin gekommen ist.
Jedenfalls ging es plötzlich um Datingplattformen. Ich konnte dazu relativ wenig beitragen.
Ich kenne genau eine dieser Plattformen. Beim Namen. Das war's dann aber auch schon.
Irgendwann kam deshalb ziemlich unausweichlich die Frage:
„Christoph. Du hast dort sicher ein Profil, oder?“
Meine Antwort war wie immer wahrheitsgetreu.
„Nein, habe ich nicht.“
Und dann stellte ich noch eine Frage hinterher:
„Und wozu sollte ich das haben?“
Im Nachhinein muss ich zugeben: Diese Nachfrage war ziemlich dämlich.
Um es vorsichtig auszudrücken. Denn wozu hat man ein Profil auf einer Datingplattform?
Vermutlich nicht, um dort nach einem neuen Steuerberater zu suchen.
Man möchte jemanden kennenlernen. Vielleicht auch jemanden für etwas weniger Dauerhaftes. Dass es auch darum gehen kann, war mir natürlich klar. Nur darum ging es in unserem Gespräch überhaupt nicht.
Aber irgendwie hatte mich die Frage tatsächlich zum Nachdenken gebracht.
Was schreibt man da eigentlich über sich?
Was für Fotos nimmt man?
Das Foto, auf dem man am besten aussieht?
Das Foto, auf dem man zehn Jahre jünger aussieht?
Das Foto, auf dem man zufällig gerade lacht?
Oder das, auf dem man so aussieht, als wäre man völlig entspannt fotografiert worden, obwohl man wahrscheinlich vorher zwanzig Minuten lang vor der Kamera herumprobiert hat?
Und was schreibt man über sich?
„Ich bin nett, zuverlässig und humorvoll.“
Na wunderbar. Das klingt ungefähr so, als würde man einen gebrauchten Kleinwagen inserieren. Scheckheftgepflegt. Wenig Kilometer. Garagenfahrzeug. Und dann kam bei mir irgendwann die nächste Frage:
Wie viel davon ist eigentlich echt? Nicht, dass ich glaube, dass alle Menschen auf Datingplattformen lügen. Aber man stellt sich dort vermutlich schon ein bisschen so dar, wie man gerne gesehen werden möchte.
Das Foto.
Der Text.
Die Interessen.
Die drei Dinge, die man angeblich besonders gerne macht.
Und plötzlich wird aus einem Menschen ein kleines Profil. Ein paar Fotos. Ein paar Sätze. Vielleicht ein paar Häkchen. Und fertig ist der Christoph. Oder eben die Christoph-Version, die man gerne zeigen möchte.
Und dann kam natürlich irgendwann die unausweichliche Frage:
„Und Christoph? Wie ist das eigentlich mit deiner Wirkung auf Frauen?“
Tja. Keine Ahnung. Ich habe darüber keine belastbare Datenlage. Keine Studie. Keine Statistik. Nicht einmal eine Excel-Tabelle.
Wobei ich zugeben muss: Ich habe im Laufe der Jahre durchaus das eine oder andere gehört.
Manche sollen gesagt haben:
„Christoph ist einfach eine coole Socke.“
Andere finden mich offenbar interessant, wenn ich rede. Das ist immerhin eine ziemlich sichere Nische. Und manchmal, wenn ich ausgeschlafen bin und einen Anzug anhabe, kann ich angeblich auch ganz passabel aussehen.
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich auf die Formulierung „wenn ich ausgeschlafen bin“ hinweisen. Und auf „manchmal“. Das sind wichtige Details.
Andere sagen, ich sei einfach ein schräger Vogel. Und dass ich ein gutes Gespräch mit Freunden jederzeit einem Dating vorziehen würde. Auch das könnte stimmen. Ein gutes Gespräch mit Freunden hat schließlich einen entscheidenden Vorteil: Man weiß meistens schon, worüber man redet.
Und dann gibt es noch diese andere Theorie:
Wenn man Christoph wirklich näher kennenlernen will, muss man den ersten Schritt machen. Das klingt zunächst ziemlich souverän. Ist es aber vielleicht gar nicht.
Denn reden kann ich.
Vor zehn Menschen.
Vor hundert.
Von mir aus auch vor zweihundert.
Über fast alles.
Da ist mir eigentlich wenig peinlich.
Aber wenn es darum geht, jemanden wirklich näher an mich heranzulassen, scheint das offenbar eine ganz andere Geschichte zu sein. Da werde ich möglicherweise etwas distanzierter. Oder schüchtern.
Vielleicht bin ich in solchen Dingen tatsächlich ein bisschen wie der kleine Sam aus Tatsächlich… Liebe. Der Film von 2003. Mit Hugh Grant, Liam Neeson, Emma Thompson, Colin Firth, Keira Knightley und gefühlt der halben britischen Schauspielwelt. Nur damit wir auch das geklärt hätten.
Bringt uns bei der Frage nach meiner Wirkung auf Frauen keinen Zentimeter weiter. Aber jetzt wissen wir wenigstens, welchen Film ich meine. 😉
Vielleicht ist das überhaupt das Problem mit solchen Datingprofilen. Man soll in ein paar Fotos und ein paar Sätzen etwas zeigen, das im wirklichen Leben ziemlich viel länger dauert.
Wie jemand redet.
Wie jemand zuhört.
Wie jemand mit anderen Menschen umgeht.
Wie jemand lacht.
Wie jemand reagiert, wenn etwas nicht funktioniert.
Oder wie jemand plötzlich über irgendeinen völlig nebensächlichen Gedanken abschweift und zehn Minuten später immer noch darüber redet. Das passt schlecht in ein Profil.
„Kann vor 200 Menschen reden, wird aber beim persönlichen Kennenlernen möglicherweise etwas komplizierter.“
Das wäre zumindest ehrlich. Ob es besonders erfolgreich wäre, weiß ich nicht. Und dann ist da noch dieses kleine Versprechen, das ich irgendwann einmal gemacht habe. Wenn dieses gesundheitliche Desaster vielleicht doch irgendwann einmal einigermaßen in den Griff bekommen wird, dann mache ich das.
Dann lege ich mir ein Datingprofil zu. Weil mich irgendwie alle dazu drängen. Das war jedenfalls der Plan. Und wenn ich ganz ehrlich bin, war das bisher vermutlich auch der einzige Bereich meines Lebens, bei dem meine gesundheitliche Situation einen kleinen Vorteil hat.
Denn vielleicht bin ich heute nach meinem kurzen Aufenthalt in der Klinik tatsächlich ein winziges Stück auf dem Weg der Besserung. Vielleicht. Aber noch nicht so weit, dass ich dieses Versprechen tatsächlich einlösen müsste.
Und das ist doch auch einmal eine gute Nachricht. Man muss kleine Fortschritte schließlich zu schätzen wissen. Wobei ich mich inzwischen ernsthaft frage, wie so ein Profil bei mir überhaupt aussehen würde. Vielleicht müsste ich einfach die Wahrheit hineinschreiben.
Christoph. Kann vor 200 Menschen über fast alles reden. Ist manchmal eine coole Socke. Manchmal ein schräger Vogel. Sieht im Anzug und ausgeschlafen angeblich ganz passabel aus. Führt gute Gespräche mit Freunden lieber als Dates.
Und wenn du ihn wirklich kennenlernen willst: Mach den ersten Schritt. Das wäre zumindest ziemlich ehrlich. Ob das funktioniert? Keine Ahnung. Ich habe ja noch kein Profil.
Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich jemals eines haben werde. Schließlich habe ich meinem Freund das nur versprochen, wenn dieses gesundheitliche Desaster irgendwann einmal in den Griff kommt. Und bis dahin kann ja noch viel passieren.
Ich sag, wie’s ist:
Vielleicht sollte ich meinem Freund einfach erklären, dass ich das damals unter dem Einfluss von Medikamenten gesagt habe. Das klingt zumindest nach einem ziemlich guten Ausweg. 😉



Du und eine Dating-Plattform. Das ich nicht lache...nie 😉