Die Warteschlange
- Christoph

- vor 3 Minuten
- 2 Min. Lesezeit

Heute ist Sonntag. Keine größeren Vorkommnisse. Was ja eigentlich eine gute Nachricht ist.
Ein ziemlich normaler Sonntag also. Und trotzdem hatte ich heute irgendwann das Gefühl, auf etwas zu warten.
Ich wusste nur nicht genau, worauf. Vielleicht darauf, dass etwas passiert. Vielleicht darauf, dass etwas besser wird. Vielleicht auch einfach darauf, dass der Tag weitergeht.
Und plötzlich musste ich darüber nachdenken, wie viel Zeit wir eigentlich mit Warten verbringen.
Eigentlich faszinierend.
Wir Menschen stehen erstaunlich oft irgendwo herum.
An der Supermarktkasse.
Beim Arzt.
An der roten Ampel.
In der Warteschleife am Telefon.
Und wir tun dabei fast alle dasselbe. Wir werden ungeduldig. Als hätte das Leben beschlossen, genau heute gegen uns zu arbeiten.
Dabei...
...warten wir doch unser ganzes Leben. Wir warten auf den richtigen Zeitpunkt.
Auf den richtigen Job.
Auf das richtige Grundstück.
Auf das Wochenende.
Auf den Sommer.
Auf den Urlaub.
Auf bessere Zeiten.
Und manchmal...
...warten wir sogar darauf, endlich anzufangen zu leben. Ich frage mich, warum eigentlich.
Wer hat uns eingeredet, dass das eigentliche Leben immer erst nach irgendetwas beginnt?
Nach der Prüfung.
Nach dem Umbau.
Nach der Arbeitswelt.
Nach dem nächsten Montag.
Irgendwann muss doch einmal dieser Moment kommen, an dem aus dem Warten plötzlich Leben wird. Vielleicht kommt er aber gar nicht. Vielleicht steht er gar nicht vor uns.
Vielleicht läuft er die ganze Zeit neben uns her. Während wir beschäftigt sind, auf etwas anderes zu warten.
Und genau das finde ich irgendwie verrückt.
Wir schauen ständig auf die Uhr. Aber viel zu selten auf den Moment.
Ich ertappe mich ja selbst dabei.
"Wenn das erledigt ist..." "Wenn ich dafür Zeit habe..." "Wenn es ruhiger wird..."
Kommt dir bekannt vor? Mir leider schon.
Und dann passiert etwas. Man wird älter. Nicht dramatisch. Nicht von heute auf morgen. Sondern so, wie ein Buch langsam Seite für Seite dünner wird. Bis man irgendwann merkt:
Hoppla...ich habe schon ganz schön viele Kapitel gelesen.
Ich sag, wie's ist:
Vielleicht wartet das Leben gar nicht auf uns. Vielleicht wartet nur die nächste Nummer am Ticketschalter. Und alles andere...
...hat längst begonnen.



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