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Zweiter Sommertag im Dauerregen

(Oder:Trotzdem sind alle Tische im Schanigarten besetzt.)

Freunde, Freunde, Freunde...

Zweiter Tag Regen.

Dritte Hose nass.

Vierte Wetter-App gelöscht.


Und trotzdem: Der Sommer gibt nicht auf – oder besser gesagt: wir geben nicht auf.

Die Stadt lebt, als wäre das Wetter nur ein Gerücht. Menschen sitzen draußen, mit Regencapes, unter improvisierten Schirmen, mit Dackel in Handtuch gewickelt. Es ist leicht absurd – und gleichzeitig irgendwie schön.

Ich bin unterwegs, zu Fuß.

In Sneakers.


Die genau diese Schwelle markieren:

Zwischen sportlich und zu elegant.

Ich hab den ganzen Tag überlegt, ob die Hose dazu nicht eine Spur zu fein ist. Und ob sich die Schuhe denken: "Was soll dieser Stoffanzug über uns?"

Egal. Wir ziehen das durch.


Ich stehe vor einem kleinen Asia-Imbiss.

Frage höflich, ob ich trotz Tropfnase und leicht dramatischem Outfit hereindarf.

Die Frau hinter dem Tresen schaut mich an, mustert meine durchweichte Frisur und sagt trocken:

„Scharf oder sehr scharf?“

Ich: „Gibt’s auch was für jemanden, der sonst immer entscheidet und heute einfach froh ist, wenn wer anderer sagt, was gut ist?“


Sie lacht. Ich glaube, das war ein Lächeln. Oder eine Reaktion auf meinen Zustand.

Während ich esse, beobachte ich drei Teenager am Nachbartisch.

Einer überlegt laut, ob er Sojasauce über seine Frühlingsrollen kippen soll.


Ich kann’s mir nicht verkneifen:

„Wenn du heute noch was vorhast – lieber dippen. Wenn eh schon alles egal ist – go full soy.😀“

Sie ignorieren mich.

Auch okay. Man wächst an der Ablehnung.

Ich esse. Und wärme mich.

Nicht nur körperlich.

Denn manche Orte, manche Momente –

haben eine ganz eigene Temperatur.

Und manche Menschen sowieso.

Sie sind einfach warm.

Leise.

Ehrlich.

Auch wenn sie gerade nicht da sind.

Vielleicht auch morgen nicht.

Aber sie wärmen. Immer.


Ich verlasse das Lokal, draußen nieselt es noch immer.

Natürlich.

Ich werfe meinen braunen Rucksack über die Schulter, schiebe das Handy zurück ins Sakko – da tippt mich einer der Teenager von vorhin an.

Einer von denen, die meine Sojasaucen-Weisheit ignoriert haben.


Ich denk mir:

Ah, vielleicht doch einer mit Spät-Lacher?

Aber nein.

Er hält mein Tuch in der Hand.

Eines von diesen kleinen, unauffälligen Dingern, die andere für Deko halten –

aber ich für emotional unverzichtbar.

Eines von den etwa 80, die ich besitze.

Aber das eine – das hätte mir gefehlt.


Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich’s verloren hab.

Er sagt kein Wort, streckt’s mir einfach hin.

Ich nehme es, danke.

Nicht zu dramatisch. Nur mit einem Lächeln.

Und in diesem Moment denk ich mir: Menschlichkeit wärmt. Auch.

Nicht nur Pho-Suppe, nicht nur Heizung.

Sondern auch so eine Geste.

Ein stilles „Ich hab gesehen, dass da was fehlt“ – und es zurückbringen.


Und während ich weitergehe, mit leicht dampfenden Sneakers und einem Tuch, das ich jetzt sicherheitshalber in die Hosentasche stecke, denk ich mir:


Es ist nicht perfekt da draußen.

Aber wer sagt, dass es das sein muss?

Vielleicht ist das ja der wahre Sommer:

Wenn man lacht, obwohl’s tropft.

Wenn man draußen bleibt, obwohl’s zieht.


Ich sag wie´s ist:

Wenn morgen die Sonne wieder rauskommt –

bin ich vorbereitet.

Ich hab sie nämlich heimlich vermisst.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

 
 
 

1 Kommentar

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Lisa
08. Juli 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

den Tropfnassen hätte ich gerne gesehen 😀

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