Der Präsident
- Christoph

- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Fällt mir gerade ein. Vor ein paar Wochen war ich wieder einmal am Bahnhof.
Also eigentlich ein ganz normaler Tag. Nein. Moment.
Ganz normaler Tag und Christoph?
Das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Diät-Ratgeber von einem Konditor. 😄
Sagen wir lieber:
Es war ein ganz gewöhnlicher Christoph-Tag.
Ich stand in einem Tabakladen. Viele Menschen. Viel Betrieb. Nichts Auffälliges.
Zumindest bis zu dem Moment, als zwei Männer hereinkamen.
Im Augenwinkel sah ich zuerst nur die Kutten.
Und bevor jetzt jemand an Geistliche denkt: Nein.
Die andere Art von Kutte. Diese ärmellosen Westen, die Motorradclubs tragen.
Mit Stickern.
Abzeichen.
Titeln.
Und ausreichend Stoff für ungefähr drei Identitätskrisen. 😄
Jedenfalls standen plötzlich diese beiden Herren im Geschäft. Der eine schob sich direkt an mir vorbei. Genau in dem Moment, als ich eigentlich dran gewesen wäre. Nicht dramatisch.
Aber deutlich genug.
Ich sagte lediglich:
„Ah ja.“
Mehr nicht.
Der Mann drehte sich um. Schaute mich an. Und erklärte mir auf Wienerisch:
„Scheiß di ned au, Zwerg.“
Für die Leserinnen und Leser außerhalb Wiens: Das ist keine besonders liebevolle Form der Kontaktaufnahme. 😄
Ich schaute auf seine Kutte. Dann auf den großen Aufnäher.
Und sagte:
„Na, Ärmelloser. So entstehen Vorurteile. Oder soll ich dich mit Präsident anreden? Laut Sticker scheinst du der Wichtigste von den Unwichtigen zu sein.“
Sein Begleiter wurde sofort aktiv. Bis dahin hatte er sich eher im Hintergrund gehalten.
Eine Art menschlicher Beistrich. Dann trat er vor.
Auf seiner Kutte stand: Sergeant-at-Arms. Also Sicherheitschef. Oder zumindest das, was man sich darunter vorstellt.
„Host a Problem, Zwerg?“
fragte er.
Ich antwortete höflich:
„Wieso so aggressiv? Liegt das vielleicht daran, dass euch die Hells Angels nicht genommen haben und ihr deshalb euren eigenen Motorradclub für 2 gründen musstet?“
Die Stimmung wurde merklich kühler. Der Sicherheitschef schien gerade abzuwägen, ob er seine Argumentation nun körperlich fortsetzen sollte. Da meldete sich plötzlich eine Stimme.
Eine ältere Dame hinter dem Verkaufspult. Ganz ruhig. Ganz sachlich. Ganz ohne Angst vor Präsidenten oder Sicherheitschefs. Sie schaute den Mann mit dem Präsidenten-Aufnäher an und sagte:
„Der Herr mit dem hellblauen Hemd war vor dir dran, Herbert.“
Herbert.
Nicht Präsident.
Nicht Boss.
Nicht Road Captain.
Nicht Gründer.
Nicht Alpha.
Nicht gnädiger Herr.
Herbert. 😄
In diesem Moment war die gesamte Inszenierung zerstört. Ein Actionfilm, in dem plötzlich die Mutter des Bösewichts auftaucht und fragt, ob er eh genug gegessen hat.
Noch schöner wurde die Geschichte allerdings dadurch, dass sich herausstellte:
Die Dame war Herberts Tante. 😄
Plötzlich wurde Platz gemacht.
Plötzlich war alles freundlich.
Plötzlich war die Hierarchie geklärt.
Und ich musste lachen.
Ich sag, wie's ist:
Manche Menschen verbringen Jahre damit, sich ein beeindruckendes Image aufzubauen. Und dann genügt eine Tante mit einem Verkaufspult und einem Vornamen.



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