Die zweite Version
- Christoph

- vor 2 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Mir ist heute etwas aufgefallen.
Wir leben erstaunlich oft mit der zweiten Version.
Der zweiten Version eines Satzes.
Der zweiten Version einer Antwort.
Oder der zweiten Version dessen, was wir eigentlich sagen wollten. đ
Kennst du das? Du fĂŒhrst ein GesprĂ€ch. Alles ist lĂ€ngst vorbei.
Du steigst ins Auto. Und genau in diesem Moment fĂ€llt dir der perfekte Satz ein. NatĂŒrlich. Zehn Minuten zu spĂ€t.
UngefÀhr so zuverlÀssig, wie einem einfÀllt, dass man den Regenschirm vergessen hat, sobald der erste Tropfen auf der Nase landet. Im Nachhinein sind wir alle erstaunlich schlagfertig.
Mein Gehirn arbeitet offenbar nach dem Motto:
âVielen Dank fĂŒr Ihre Anfrage. Ihre Antwort wird schnellstmöglich bearbeitet.â
Die durchschnittliche Bearbeitungszeit betrĂ€gt zwischen fĂŒnf Minuten und drei Tagen.
Ich glaube ohnehin, irgendwo mĂŒsste es ein FundbĂŒro geben. Ein FundbĂŒro fĂŒr all die perfekten Antworten, die uns zu spĂ€t eingefallen sind.
Regal Nummer 12:
âSchlagfertige Antworten auf bereits beendete Diskussionen.â
Regal Nummer 18:
âWitze, die genau zwölf Minuten zu spĂ€t eingefallen sind.â
Und ganz hinten, vermutlich in einem eigenen Hochsicherheitsbereich:
âSĂ€tze, die man besser niemals gesagt hĂ€tte.â
Am Schalter sitzt wahrscheinlich seit Jahrzehnten derselbe Beamte. Und hört sich den ganzen Tag denselben Satz an:
âWissen Sie ... eigentlich hĂ€tte ich damals sagen sollen ...â
Er nickt nur mĂŒde. Zieht eine Nummer. Und sagt:
âRegal 12. Links neben den nie abgeschickten E-Mails.â
Interessant ist allerdings:
Manchmal bin ich sogar froh, dass mir manche Antworten erst spÀter eingefallen sind. Denn vermutlich wÀren sie in diesem Moment zwar schlagfertig gewesen. Aber nicht unbedingt klug. Je Àlter ich werde, desto sympathischer wird mir dieser kleine zeitliche Abstand.
Er sortiert.
Er beruhigt.
Und nimmt den Emotionen ein bisschen die LautstÀrke.
Das VerrĂŒckte ist:
Eigentlich betrifft das fast alles.
GesprÀche.
Diskussionen.
E-Mails.
WhatsApp-Nachrichten.
Nur meine Blogtexte nicht.
Die schreibe ich genau einmal. Nicht, weil ich sie nicht verbessern könnte. Sondern weil sie immer genau den Gedanken dieses einen Tages festhalten. Morgen wĂŒrde ich vermutlich einen anderen Text schreiben. Und genau deshalb darf der von gestern so bleiben, wie er war.
Vielleicht ist das ĂŒberhaupt der Unterschied. Im Leben wĂŒnschen wir uns stĂ€ndig eine zweite Version.
Eine zweite Chance.
Eine zweite Antwort.
Einen zweiten Versuch.
Beim Blog brauche ich sie nicht. Der lebt genau davon, dass er nur einmal entsteht.đ
Ich sag, wie's ist:
Die besten Antworten meines Lebens sind mir meistens erst eingefallen, als niemand mehr da war, der sie hÀtte hören können. Und vielleicht ist das manchmal gar kein Fehler.
Denn manche GesprÀche werden besser, wenn sie nur noch im eigenen Kopf stattfinden.
Die meisten Streitereien ĂŒbrigens auch.



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