Was bleibt
- Christoph

- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt Sätze, die haben es irgendwie geschafft, sich in den Küchen dieses Landes dauerhaft einzumieten.
„Die Zeit heilt alle Wunden.“
Ich bin ziemlich sicher, irgendwo hängt dieser Satz heute noch.
Auf einem Kalender der Raiffeisenbank. Jenem Kalender, den man kurz vor Weihnachten als langjährige Kundin oder langjähriger Kunde geschenkt bekommt. Man geht in die Bank, staunt ein bisschen darüber, dass es auf das Sparbuch inzwischen gefühlt weniger Zinsen gibt als Staubkörner darauf liegen, und kommt dafür mit einem Kalender nach Hause. 😄
Die Oma freut sich.
„Schau, wie nett die Frau Huber ist. Sie hat mir wieder einen Kalender geschenkt.“
Als wäre das ein ganz persönliches Geschenk. Nicht dieselben zweitausend Kalender, die an diesem Vormittag das Bankgebäude verlassen haben.
Und dann hängt er das ganze Jahr in der Küche. Zwischen Einkaufsliste und Kuckucksuhr.
Mit zwölf Landschaftsbildern. Und irgendwo, meist im unteren Drittel, steht wieder einer dieser Sätze.
„Die Zeit heilt alle Wunden.“
Interessanter Satz. Vor allem für jemanden wie mich.
Vor über vier Jahren hatte ich eine Verletzung am Fuß. Die eigentliche Wunde ist längst verheilt. Zumindest medizinisch. In Wirklichkeit erinnert mich dieser Fuß bis heute immer wieder daran, dass es diese Verletzung einmal gegeben hat.
Nicht jeden Tag. Aber immer wieder. Beim Gehen. Bei manchen Bewegungen. Oder genau dann, wenn ich überhaupt nicht an meinen Fuß denke.
Damals dauerte es übrigens ewig, bis sich die Wunde endlich schloss. Wochenlang passierte gefühlt gar nichts. Man probierte alles.
Laser.
Verbände.
Moderne Geräte, die meinen Fuß mit irgendetwas beschallten.
Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht einmal genau womit.
Es klang jedenfalls beeindruckend. Geholfen hat erstaunlich wenig. 😄
Bis irgendwann eine Schwester ins Zimmer kam.
Ganz ruhig.
Ohne großes Theater.
Sie legte Manukahonig in die Wunde.
Drei Tage später war sie geschlossen.
So einfach.
So unspektakulär.
Seitdem denke ich manchmal über diesen berühmten Satz nach. Vielleicht heilt die Zeit tatsächlich Wunden. Zumindest meine hat sie irgendwann geschlossen. Aber sie hat die Verletzung nicht einfach mitgenommen. Und genau dieser Unterschied beschäftigt mich bis heute.
Interessant finde ich allerdings etwas anderes.
Die Wunde war irgendwann verheilt. Die Verletzung blieb. Und manchmal sind es gar nicht die Wunden, die unser Leben verändern. Sondern das, was sie hinterlassen.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.
Vielleicht verwechseln wir diese beiden Dinge viel zu oft.
Eine Wunde kann sich schließen. Eine Verletzung hinterlässt manchmal etwas.
Nicht unbedingt Schmerz. Aber eine Spur. Und manchmal reicht genau die, damit wir etwas nie ganz vergessen. Vielleicht gilt das gar nicht nur für einen Fuß.
Vielleicht gilt das für erstaunlich viele Dinge im Leben.
Für Enttäuschungen.
Für Hoffnungen.
Für Entscheidungen.
Und manchmal auch für Menschen.
Nicht, weil sie noch da sind. Sondern weil etwas von ihnen geblieben ist.
Es gibt Erinnerungen, die nicht mehr ganz so wehtun. Und trotzdem verändern sie, wie wir gehen. Nicht nur durchs Leben. Manchmal sogar ganz wörtlich.
Ich glaube inzwischen, dass Zeit vor allem eines schafft:
Abstand.
Sie macht vieles leiser.
Sie nimmt dem Schmerz seine Lautstärke.
Aber sie entscheidet nicht darüber, was bleibt.
Ich sag, wie's ist:
Vielleicht heilt die Zeit tatsächlich Wunden.
Das kleine Wort „alle“ hat mich allerdings immer gestört.
Denn manche Verletzungen hinterlassen etwas. Eine Narbe. Eine Erinnerung.
Manchmal eine andere Art zu gehen. Und manchmal eine andere Art, auf Menschen zu schauen.
Vielleicht ist genau das der Teil, den die Zeit nie übernimmt.
Deshalb glaube ich heute:
Die Zeit heilt vieles.
Aber sie entscheidet nicht darüber, was von einer Verletzung bleibt.



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