Diagnose Gesellschaft
- Christoph

- 7. März
- 2 Min. Lesezeit

Die Welt ist manchmal schon ein seltsamer Ort.
Besonders wenn man sich anschaut, wie wir heute mit Gesundheit umgehen. Oder mit dem, was wir dafür halten.
Die Medizin entwickelt Medikamente in einer Geschwindigkeit, bei der selbst Apotheken manchmal kurz nachdenken müssen, wo sie das alles noch hinräumen sollen. Nahrungsergänzungsmittel gibt es mittlerweile in einer Vielfalt, dass man glauben könnte, der menschliche Körper sei eine Mischung aus Biochemielabor und Baukasten.
Magnesium für die Muskeln.
Omega-3 für das Herz.
Zink fürs Immunsystem.
Vitamin D für alles andere.
Und wenn man zwei Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hat, dann wird einem schon erklärt, dass man wahrscheinlich einen Mangel hat.
Das mag alles seine Berechtigung haben. Wirklich.
Aber manchmal habe ich den Eindruck, wir leben in einer Zeit, in der wir für alles sehr schnell eine Erklärung brauchen. Und am besten auch gleich eine Diagnose.
Besonders wenn es um Verhalten geht.
Ein Kind ist lebhaft.
Unruhig.
Hat tausend Gedanken gleichzeitig.
Kann vielleicht nicht drei Stunden still auf einem Stuhl sitzen.
Früher hätte man gesagt: „Der hat Energie.“
Heute hört man manchmal schneller ein anderes Wort.
ADHS.
Und bevor ich hier falsch verstanden werde:
Natürlich gibt es ADHS.
Natürlich ist das für viele Menschen eine echte Herausforderung.
Und natürlich ist es gut, wenn Menschen Hilfe bekommen, wenn sie sie brauchen.
Darum geht es mir gar nicht.
Was mich manchmal beschäftigt, ist etwas anderes.
Wie schnell wir heute bereit sind, Dinge einzuordnen.
Jemand passt nicht ganz ins System.
Ist laut.
Ist unruhig.
Hat vielleicht Mühe, sich lange zu konzentrieren.
Zack. Diagnose.
Und manchmal gleich noch ein Medikament dazu. Ritalin im Rucksack, sozusagen.
Ich bin kein Arzt.
Und auch kein Psychologe.
Ich habe weder eine Praxis noch eine Diagnose-Lizenz.
Aber ich glaube, ich darf mir trotzdem Gedanken machen.
Denn manchmal frage ich mich, ob wir nicht ein bisschen zu schnell geworden sind.
Nicht nur mit Vorurteilen. Auch mit Erklärungen.
Vielleicht ist ein Kind nicht krank.
Vielleicht ist es einfach neugierig.
Vielleicht ist ein Mensch nicht unkonzentriert.
Vielleicht denkt sein Kopf einfach in fünf Richtungen gleichzeitig.
Vielleicht ist jemand nicht „schwierig“.
Vielleicht passt er nur nicht besonders gut in ein System, das vor allem Ruhe und Gleichmäßigkeit belohnt.
Ich denke manchmal darüber nach, wie viele Menschen in der Geschichte wohl heute eine Diagnose bekommen hätten.
Leonardo da Vinci zum Beispiel.
Der hat Projekte begonnen, sie liegen lassen, wieder neue Ideen entwickelt, zwanzig Dinge gleichzeitig gedacht.
Heute würde vermutlich jemand sagen:
„Der Mann hat Schwierigkeiten mit Fokus.“
Damals hat man gesagt:
„Der ist ein Genie.“
Natürlich darf man das nicht romantisieren.
ADHS kann belastend sein.
Für Kinder.
Für Erwachsene.
Für Familien.
Und es ist gut, wenn Menschen Unterstützung bekommen.
Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, manchmal kurz innezuhalten.
Bevor wir alles erklären.
Bevor wir alles einordnen.
Bevor wir aus jeder Besonderheit eine Störung machen.
Denn vielleicht ist die Welt manchmal nicht voller Diagnosen.
Vielleicht ist sie einfach voller unterschiedlicher Gehirne.
Manche denken linear.
Andere springen.
Manche arbeiten ruhig.
Andere schnell.
Manche brauchen Struktur.
Andere schaffen aus Chaos Ideen.
Ich sage nicht, dass Diagnosen falsch sind.
Ich sage nur:
Vielleicht sollten wir uns manchmal ein bisschen mehr Zeit lassen. Bevor wir sie vergeben.
Ich sag wie’s ist:
Nicht jeder Mensch, der nicht ins Schema passt, ist krank.
Manche sind einfach nur…anders gebaut.
Und vielleicht braucht die Welt manchmal genau diese Köpfe.



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