Die fabelhafte Welt der Stifte
- Christoph

- 18. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt Filme, die machen etwas mit dir.
Die fabelhafte Welt der Amélie ist so einer.
In ihm werden ganz gewöhnliche Dinge – eine zerplatzende Luftblase, ein Löffel in Crème brûlée, ein geheimnisvoller Zettel – zu kleinen Abenteuern des Alltags.
Man beginnt, das Leben wie durch ein verzaubertes Loch in der Wand zu betrachten.
Und genau so geht es mir mit Stiften.
Ja, Stiften.
Kugelschreibern, Füllern, diesen ewigen Mitbewohnern unserer Taschen und Schubladen.
Für andere sind sie nur Schreibgeräte – für mich haben sie eine eigene kleine Welt.
Eine Welt voller Dramen, Verschwörungen und gelegentlicher Triumphe.
Fast wie ein Mini-Kinofilm, der sich jeden Morgen neu abspielt.
Jeden Morgen packe ich gewissenhaft drei Stifte ein.
Einen für Notizen, einen als Ersatz und einen, weil ich ihm einfach nicht traue.
Und jeden Nachmittag sitze ich irgendwo und sage den Satz, den vermutlich alle schon mal gesagt haben:
"Ich hab jetzt nichts zum Schreiben."
Das ist in etwa so, als hätte ein Pilot vergessen, ob er das Flugzeug überhaupt mitgenommen hat.
Ich weiß genau, dass die Stifte irgendwo sein müssen.
Sie tauchen nur nicht auf.
Vielleicht führen sie ein geheimes Eigenleben – eine Art Stift-Verschwörung, bei der sie sich untereinander absprechen, wer wann auf mysteriöse Weise verschwinden darf.
Manchmal, wenn ich in eine Tasche greife, in der ich sie schon dreimal erfolglos gesucht habe, finde ich plötzlich fünf auf einmal.
Das fühlt sich an wie ein Marketing-Coup: erst künstliche Verknappung, dann plötzliche Flut.
Als hätten meine Stifte ein eigenes Launch-Event geplant.
Mit dem Slogan: „Nur für kurze Zeit – jetzt alle auf einmal erhältlich!“
Es gibt Stifte, die sind einfach da.
Beliebig austauschbar, egal ob sie schreiben oder nicht.
Und dann gibt es den einen Stift.
Den, der so leicht übers Papier gleitet, als würde er deine Gedanken erraten, bevor du sie aufschreibst. Diesen Stift zu verlieren, fühlt sich an wie eine abgebrochene Kampagne kurz vor dem Launch:
viel Herzblut, viele Ideen – und plötzlich ist alles weg.
Vor allem Damen, so scheint es, entwickeln zu diesen Stiften eine Art zarte Romanze.
Ich habe schon gehört, wie jemand sagte:
„Nein, den darfst du nicht verwenden, der schreibt so schön. Na gut aber bitte mach ihn nicht kaputt und verlier ihn nicht“
Als hätte der Stift ein eigenes kleines Herz, das man nicht brechen will.
Männer dagegen – und ich darf das sagen, weil ich einer bin – sehen das oft pragmatischer:
Ein Stift ist ein Stift.
Bis er weg ist.
Aber genau dieser Stift ist immer der erste, der verschwindet.
Nie der Werbegeschenk-Kuli, der kratzt wie ein alter Plattenspieler und dessen Tinte nach zwei Worten ausgeht.
Nein, es trifft immer den einen, den du wirklich brauchst.
Ein bisschen wie bei Marketing-Budgets: das Geld für das wirklich Wichtige verschwindet immer zuerst.
Früher dachte ich, Stifte verlieren sei einfach nur Pech.
Heute glaube ich, es ist ein Teil des Lebens. 😉
Wie eine stille Lektion darüber, dass du nicht immer alles unter Kontrolle hast – egal, wie sehr du es versuchst. Manche Dinge verschwinden einfach.
Und manchmal tauchen sie, ohne jede Vorwarnung, genau im richtigen Moment wieder auf.
Und jetzt, wo ich hier sitze und schreibe, merke ich:
Da liegen ein paar herum auf dem Ablagebrett. Nur jetzt brauche ich keinen - ich schreibe am Laptop.
Ich sag, wie’s ist:
Wenn meine Stifte ein Eigenleben haben, dann hoffe ich, dass sie dabei wenigstens Spaß haben.



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