Die längste Strecke misst man nicht in Kilometern
- Christoph

- 12. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Wir leben in einer Zeit, in der Distanzen fast keine Rolle mehr spielen.
Zumindest nicht die, die auf einer Landkarte zu sehen sind.
Wenn ich heute Lust hätte, könnte ich mir jetzt sofort einen Flug buchen –
morgen sitze ich im Flieger,
und übermorgen schlendere ich barfuß am Strand in Thailand.
Ganz einfach.
Ein Klick, ein Koffer, ein Boardingpass.
Vielleicht noch ein schnelles Update auf Social Media:
„Spontan ans Meer ✈️🌴.“
Und schon wissen alle, wo ich bin .
Wir reisen, als wären wir Teilchen in einem gigantischen globalen Strom.
Es ist fast egal, wo du gerade bist.
Innerhalb von 48 Stunden kannst du von jedem Ort der Welt
zu jedem anderen Ort gelangen.
Distanzen sind nicht mehr das Problem.
Früher war ein Ozean zwischen Menschen eine unüberwindbare Hürde.
Heute genügt eine stabile Internetverbindung und ein Ladegerät.
Wir können sogar live dabei zusehen,
wie jemand auf einem anderen Kontinent seinen Morgenkaffee umrührt –
während wir selbst gerade ins Bett gehen.
Kilometer sind nur noch Zahlen auf einem Bildschirm.
Doch dann gibt es da diese andere Distanz.
Sie taucht nicht in Navigationsapps auf
und lässt sich nicht mit einem QR-Code überwinden.
Die Stille zwischen Menschen.
Stille hat keine Zeitzone, keine Flugroute.
Sie entsteht langsam, fast unscheinbar,
wie ein Riss in einer Fensterscheibe.
Erst ist er winzig, kaum sichtbar.
Und dann, ohne dass man es merkt,
zieht er sich immer weiter,
bis er das ganze Glas durchzieht.
Das Seltsame ist:
Beim Reisen kann ich mich auch morgen noch entscheiden.
Wenn ich heute keinen Flug buche, dann eben nächste Woche.
Es ändert sich nichts. Es wird nicht schwerer oder leichter in ein Flugzeug einzusteigen.
Aber bei der Stille funktioniert das nicht.
Je länger sie dauert, desto schwieriger wird es,
diese unsichtbare Distanz zu überbrücken.
Denn mit jedem Tag, an dem nichts gesagt wird,
wächst nicht nur die Stille,
sondern auch die Frage, was man denn jetzt noch sagen soll.
Und plötzlich denkt man:
„Nach all der Zeit…
wie soll ich überhaupt anfangen?“
Im Alltag ist das oft ganz unspektakulär.
Ein verpasster Anruf,
den man „später“ zurückrufen wollte.
Eine Nachricht, auf die man nicht gleich geantwortet hat,
weil man gerade in der Straßenbahn stand,
zwischen Einkaufstüten, Kopfhörern und der Frage,
ob man zuhause überhaupt noch Milch hat.
Später wird zu morgen,
morgen wird zu „mach ich am Wochenende“.
Und ehe man sich versieht,
hat sich Schweigen zwischen zwei Menschen ausgebreitet wie Nebel.
Und genau dann passiert es:
Man schreibt keine Nachricht mehr,
weil man glaubt, dass die andere Person jetzt beleidigt ist.
Man ruft nicht mehr an,
weil man denkt, es sei zu spät.
Man schweigt – nicht, weil man es will,
sondern weil man Angst vor der ersten Silbe hat.
Räumliche Distanz ist einfach.
Ein Ticket gebucht, ein Flug angetreten,
und zack – die Entfernung ist Geschichte.
Man kann Fotos machen, Beweise posten,
Likes sammeln für das Überbrücken von Kilometern.
Aber die Stille?
Die ist heimtückisch.
Kein Algorithmus zeigt dir an,
wie groß die Lücke geworden ist.
Es gibt keinen Fortschrittsbalken,
keine Push-Nachricht, die sagt:
„Achtung, die Verbindung steht kurz vor dem Abbruch.“
Und wenn man endlich den Mut aufbringt, etwas zu sagen,
fühlt sich der erste Satz an,
als müsste man einen Berg verschieben.
Vielleicht ist es das, was unsere Zeit so seltsam macht:
Wir können um die halbe Welt reisen,
ohne große Anstrengung.
Doch manchmal schaffen wir es nicht einmal,
ein paar ehrliche Worte über einen winzigen Tisch hinwegzuschicken.
Ich sag, wie’s ist:
Die längste Reise ist oft nur ein einziger Satz.



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