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Die seltsame Kunst des Wartens


Es gibt Dinge im Leben, die passieren ständig.

So oft sogar, dass man sie kaum noch bemerkt.


Zum Beispiel: Warten.

Heute ist mir das wieder aufgefallen.

Ich stand irgendwo.

Nicht spektakulär irgendwo.

Nicht dramatisch irgendwo.

Einfach irgendwo.


Vor mir eine Tür, eine Schlange, eine Anzeige, ein paar Menschen – alles ganz normal.

Und plötzlich wurde mir klar:

Der Mensch verbringt einen erstaunlich großen Teil seines Lebens damit, zu warten.


Man wartet auf die Ampel.

Auf den Kaffee.

Auf den Zug.

Auf eine Antwort.

Auf den richtigen Moment.

Auf bessere Zeiten.


Oder manchmal auch einfach nur darauf, dass jemand endlich aufhört zu reden.


Und das Interessante ist:

Menschen können vieles.

Unglaublich vieles.


Wir können fliegen.

Wir können Maschinen bauen.

Wir können Algorithmen entwickeln, die Dinge vorhersagen, von denen wir selbst noch gar nicht wissen, dass sie passieren.


Aber warten?

Das können wir erschreckend schlecht.

Ich selbst bin übrigens kein besonders guter Wartender.

Ich gebe das offen zu.


Wer mich kennt, weiß:

Geduld gehört nicht zu meinen spektakulärsten Charaktereigenschaften.


Ich warte zwar – aber innerlich passiert dabei einiges.

Mein Kopf beginnt zu arbeiten.

Gedanken kommen.

Gedanken gehen.


Man beobachtet Menschen.

Man analysiert Situationen.


Man beginnt plötzlich über Dinge nachzudenken, über die man eigentlich gar nicht nachdenken wollte. Warten ist übrigens auch ein sehr demokratisches Phänomen.


Es trifft uns alle.

Den Manager und Innen

Den Studenten und Innen

Die Touristin und Ihn mit dem Stadtplan.

Und den Mann, die Frau....., der/die/das überzeugt ist, dass seine Zeit deutlich wertvoller ist als die der anderen.


Vor der Ampel sind wir plötzlich alle gleich.

Alle stehen.

Alle schauen.

Alle warten.


Und dann gibt es noch diese besondere Form des Wartens.

Das Warten auf Antworten.


Das ist die kompliziertere Variante.

Weil man da nicht weiß, wie lange es dauert.


Eine Stunde?

Ein Tag?

Ein Jahr?

Oder vielleicht nie?


Ich glaube, genau dort beginnt die eigentliche Kunst.

Nicht beim Warten an der Ampel.

Nicht beim Warten auf den Kaffee.

Sondern bei diesem anderen Warten.


Dem Warten auf Dinge, die sich nicht beschleunigen lassen.

Und vielleicht ist genau dort unser größtes Problem.

Wir leben in einer Zeit, in der man ständig hört:


Mach etwas.

Handle.

Sei schnell.

Entscheide.


Manchmal erinnert mich warten aber auch an Samuel Beckett.

Vladimir und Estragon warten und warten.

Und er? Godot?

Er kommt nie...


„Doing always wins“, sagen manche.

Und ja – oft stimmt das auch.

Aber eben nicht immer.


Denn manche Dinge im Leben entstehen nicht aus Aktion.

Sondern aus Zeit.

Aus Reife.

Aus Abstand.

Aus einem Moment, in dem man nicht sofort reagiert.

Nicht sofort entscheidet.

Nicht sofort antwortet.

Manchmal braucht eine Antwort einfach ihre Zeit.


Nicht weil man schwach ist.

Sondern weil man verstehen will.

Und vielleicht ist genau das eine der unterschätztesten Fähigkeiten überhaupt:

Nicht sofort zu handeln.


Sondern kurz stehen zu bleiben.

Zu warten.

Zu beobachten.


Und zu merken, dass manche Antworten erst entstehen, wenn man ihnen Raum lässt.


Der Philosoph Seneca – einer der Stoiker – hat einmal sinngemäß gesagt:

„Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung.“

Ein Satz, der erstaunlich gut zum Warten passt.

Denn manchmal ist das Warten gar nicht das Problem.

Sondern das, was wir dabei erwarten.


Ich selbst werde das mit der Geduld wahrscheinlich nie perfekt lernen.

Ich beobachte.

Ich denke.

Ich werde leicht sarkastisch.

Und manchmal – ganz ehrlich – auch ein bisschen ungeduldig.


Aber vielleicht gehört genau das auch dazu.


Ich sag, wie’s ist:

Vielleicht ist Warten gar keine verlorene Zeit.

Vielleicht ist es einfach nur der Moment,

in dem das Leben kurz sagt:

„Bleib stehen. Schau dich um. Du hast sonst eh nie Zeit dafür.“

Und manchmal eben kommt sie nie. Die Antwort. Wir werden damit leben. Müssen.


 
 
 

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