Die zweite Eins
- Christoph

- 7. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt wahrscheinlich nichts Verlässlicheres als Mathematik.
1 + 1 = 2.
Fertig. Keine Meinung. Keine Interpretation.
Kein:"Das sehe ich aber anders."
Mein ehemaliger Mathematikprofessor hätte mich wahrscheinlich mit gutem Grund aus der Vorlesung geworfen, wenn ich behauptet hätte, das Ergebnis sei heute einmal 3. Oder 17.
Oder:
"Kommt darauf an."
Mathematik ist herrlich unkompliziert. Zumindest solange man in der Mathematik bleibt.
Im echten Leben wird dieselbe Rechnung plötzlich erstaunlich kompliziert. Nicht, weil Mathematik versagt. Sondern weil unsere Gehirne anfangen zu malen.
Wir kennen die erste Eins. Oder glauben zumindest, dass wir sie kennen. Von der zweiten Eins wissen wir oft erstaunlich wenig. Und genau dort beginnt das Problem.
Unsere Gehirne mögen nämlich keine leeren Felder. Also füllen sie sie aus.
Nicht mit Wissen.
Mit Vermutungen.
Eigentlich faszinierend. Kaum fehlen Informationen, beginnt irgendwo in unserem Kopf ein kleiner Innenarchitekt sofort mit der Arbeit.
„Den Rest mache ich schon."😂
Das Verrückte ist aber etwas ganz anderes. Unsere Gehirne rechnen nicht nur mit dieser Vermutung weiter. Sie behandeln sie nach wenigen Sekunden bereits wie eine Tatsache. Und genau in diesem Moment entsteht aus einer Vermutung plötzlich eine neue Eins.
Mit der rechnen wir weiter.
Und aus dem nächsten Ergebnis entsteht wieder eine neue Eins.
Und wieder eine.
Und wieder eine.
Bis am Ende ein Ergebnis herauskommt, das sich vollkommen logisch anfühlt. Obwohl die wichtigste Zahl der ganzen Rechnung nie bekannt war.
Ich glaube, wir machen das ständig.
Jemand antwortet nicht. Also rechnen wir.
Jemand schaut ernst. Also rechnen wir weiter.
Jemand hat plötzlich ein andere Gewohnheiten..
Unser Gehirn?
„Aha..."
Und plötzlich beginnt eine Gleichung, für die jeder Mathematikprofessor vermutlich sofort den Taschenrechner wegnehmen würde. Das Faszinierende daran ist:
Mit jeder weiteren Rechnung verschwindet die ursprüngliche Vermutung immer tiefer unter den Ergebnissen. Bis sie irgendwann aussieht wie eine mathematische Gewissheit.
Eigentlich wäre das ungefähr so, als würde man in einer Mathematikschularbeit eine Zahl erfinden...und sie in der nächsten Zeile als bewiesene Tatsache verwenden. Ich vermute, mein ehemaliger Mathematikprofessor hätte dafür gar keinen Rotstift gebraucht.
Er hätte den Gedanken wahrscheinlich sofort verworfen, mich irgendwann für eine Hochbegabtenförderung vorzuschlagen. Stattdessen hätte er meiner Mutter beim Elternsprechtag vermutlich empfohlen, Mathematik bei der Matura eher abzuwählen...
...und die frei gewordene Zeit lieber in Bildnerische Erziehung zu investieren.
Rückblickend betrachtet hatte er damit vielleicht gar nicht so unrecht. Offensichtlich male ich bis heute ganz gerne. 😂
Komisch eigentlich. Als Kind war Ausmalen eine völlig harmlose Beschäftigung. Heute malen unsere Gehirne immer noch. Nur eben keine Häuser, Bäume oder Elefanten mehr.
Sondern Geschichten.
Und das Gemeine daran ist:
Vielleicht besteht der größte Fehler unserer Gehirne gar nicht darin, dass sie malen.
Sondern darin, dass sie irgendwann vergessen, dass sie selbst den Pinsel in der Hand hatten.
Manchmal male ich ein Bild, das für mich alles andere als schön aussieht. Dabei vergesse ich völlig, dass genau dieselben Farben für die anderen Menschen, um die es eigentlich geht, vielleicht die schönsten der Welt sind.
Vielleicht liegt genau darin einer der größten Denkfehler unseres Lebens. Nicht dass wir Vermutungen haben. Die brauchen wir wahrscheinlich sogar. Sondern dass wir irgendwann vergessen, dass sie einmal als Vermutung begonnen haben.
Ab diesem Moment rechnen wir mit ihnen weiter. Ganz selbstverständlich. Und wundern uns irgendwann über Ergebnisse, die sich zwar unglaublich logisch anfühlen...
...mit der Wirklichkeit aber manchmal erstaunlich wenig zu tun haben.
Früher wollte mein Mathematikprofessor immer den Rechenweg sehen. Heute hätte ich viel lieber den Denkweg. Nicht den der anderen. Meinen.
Ich glaube nämlich, dort würde ich regelmäßig auf Zahlen stoßen, die ich irgendwann selbst gezeichnet habe.
Ich sag, wie's ist:
Vielleicht liegt die eigentliche Kunst gar nicht im Rechnen. Vielleicht liegt sie darin, den Mut zu haben, eine Rechnung manchmal unvollendet liegen zu lassen. Bis wir wissen, ob die zweite Eins wirklich eine Eins ist.



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