Do not disturb
- Christoph

- 21. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Heute begann der Tag um drei Uhr früh.
Das allein ist normalerweise schon genug Abenteuer für einen Tag. Nach einigen Stunden Autofahrt durch Italien kam ich schließlich an meinem Ziel an.
In einem jener Hotels, die praktisch jede Stadt besitzt, die etwas auf sich hält. Diese Häuser, in denen Menschen so freundlich sind, dass man sich schon beim Einchecken fragt, ob sie einem gleich noch die Schuhe putzen oder vorsorglich die Bettdecke aufschütteln möchten.
Bereits an der Rezeption hatte ich das Gefühl, man hätte mich am liebsten die letzten fünfzig Kilometer bis ins Zimmer tragen.
Man erklärte alles.
Fragte alles.
Lächelte alles.
Es fehlte eigentlich nur noch jemand, der mich huckepack zum Lift bringt.
Ich erwähnte lediglich, dass ich nach der langen Fahrt vermutlich ein wenig Ruhe brauche.
Man nickte verständnisvoll. Sehr verständnisvoll.
Ich bedankte mich höflich und erklärte, dass ich den Weg ins Zimmer auch alleine finden würde.
Ein Fehler. Wie sich später herausstellen sollte.
Oben angekommen bemerkte ich bereits das Schild an der Tür.
Do Not Disturb.
Da dachte ich noch:
"Perfekt."
Die sind hier wirklich organisiert. Die wissen offenbar schon, dass ich mich ausruhen möchte.
Wie sich herausstellte, hatte das Schild mit meinen Bedürfnissen ungefähr so viel zu tun wie ein Wetterbericht mit meiner Frisur.
Ich steckte die Karte ins Schloss. Öffnete die Tür. Und stand plötzlich in einer Situation, die ich eigentlich nur von Fotoshootings der frühen 2000er kenne.
Eine Dame befand sich bereits im Zimmer. Bekleidet mit... nun ja... Sagen wir so: Es war nicht viel Stoff beteiligt. Für einen kurzen Moment standen wir beide da. Überrascht. Verwirrt. Und vermutlich gleichermaßen der Meinung, dass dieser Vormittag gerade eine unerwartete Wendung genommen hatte.
Ich brachte ein hastiges
"Entschuldigung"
hervor.
Sicherheitshalber gleich in mehreren Sprachen Man weiß ja nie.
Dann schloss ich die Tür wieder. Sehr vorsichtig.
Als könnte man durch besonders sanftes Schließen die letzten zehn Sekunden ungeschehen machen. Wenig später stand ich wieder an der Rezeption. Erklärte die Situation und dachte laut darüber nach wie denn das in so einem Haus passieren könne. Dort herrschte dann in der Sekunde eine Mischung aus Entsetzen, Verlegenheit und italienischer Gastfreundschaft auf Höchstniveau.
Es wurde entschuldigt. Mehrfach. Dann nochmals. Und zur Sicherheit noch einmal. Zwischendurch hatte ich kurz den Eindruck, als würde man überlegen, ob man mir vorsorglich das Hotel überschreiben sollte. So peinlich war die Situation den Beteiligten.
Man versprach, sich darum zu kümmern. Und das taten sie offenbar sehr ernsthaft.
Seitdem läuft mir gefühlt ständig jemand hinterher. Irgendjemand öffnet Türen.
Irgendjemand fragt, ob alles in Ordnung ist. Irgendjemand möchte wissen, ob ich noch etwas brauche.
Und ich wiederum habe mir angewöhnt, jede Tür mit besonderer Vorsicht zu behandeln.
Zumindest jene, die nicht automatisch aufgehen oder von einem Hotelmitarbeiter geöffnet werden. Man lernt schließlich dazu.
Als Wiedergutmachung stehen nun zwei statt einer Flaschen Prosecco gut gekühlt auf meinem Zimmer. Was grundsätzlich eine sehr nette Geste ist. Allerdings kennt mich jeder, der mich etwas länger kennt.
Was genau soll ich mit Schaumwein anfangen?
Ich trinke ungefähr so häufig Prosecco wie ich Ballettunterricht nehme. Trotzdem stehen die beiden Flaschen jetzt hier. Gut gekühlt. Sehr elegant. Und warten vermutlich darauf, dass ich irgendwann Gefallen daran finde. Hätte jemand gerne einen Schluck?😉
Die Chancen dafür, dass ich den trinke sind ungefähr so hoch wie jene, dass ich morgen freiwillig um drei Uhr früh aufstehe.
Moment. Schlechtes Beispiel. 😄
Ich sag, wie's ist:
Nach diesem Vormittag bin ich mir nicht sicher, was peinlicher war. Die Verwechslung des Zimmers. Oder die Tatsache, dass die größte Entschädigung ausgerechnet etwas ist, mit dem ich absolut nichts anfangen kann.



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