Der Feierabend
- Christoph

- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit

Timing hatte mein Kopf noch nie. Wirklich nicht. Tagsüber, wenn ich Termine habe, telefoniere oder irgendwo konzentriert arbeite? Absolute Funkstille.
Da benimmt er sich wie ein vorbildlicher Mitarbeiter.
Unauffällig.
Diszipliniert.
Fast schon gelangweilt. 😄
Aber kaum wird rundherum alles ruhig, scheint er sich zu denken:
"So ... jetzt hätten wir Zeit."
Und plötzlich geht oben das Flutlicht an. Gerade sitze ich auf einer Terrasse.
Vor mir viel Natur, richtig viel. Die Sonne ist gerade hinter dem See verschwunden.
Die Vögel machen Feierabend. Der Wind wird leiser. Eigentlich genau dieser Moment, für den Menschen Wellnesshotels buchen.
Und weil ich hier gerade ohnehin alleine bin, gibt es niemanden, der meinen Kopf dabei unterbrechen könnte.
Der nutzt das natürlich gnadenlos aus. Oder anders gesagt:
Hier draußen ist es gerade so ruhig, dass mein Kopf beschlossen hat, die komplette Abendunterhaltung selbst zu übernehmen.
Dann geht es los.
"Weißt du noch ...?"
Nein.
Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Mein Kopf schon. 😄
Dann kommen sie alle.
Diese kleinen Gedanken, die sich den ganzen Tag irgendwo versteckt haben.
Der Einkauf, den man morgen nicht vergessen darf.
Die E-Mail, die noch unbeantwortet ist.
Irgendeine Idee.
Und erstaunlich viele Dinge von früher, die sich ausgerechnet jetzt wieder zu Wort melden.
Der Satz, den man in einem Gespräch eleganter hätte formulieren können.
Und natürlich die geniale Idee, die einem genau jetzt einfällt.
Um 21:30 Uhr. Obwohl sie um 10:00 Uhr deutlich hilfreicher gewesen wäre. 😄
Interessant eigentlich.
Den ganzen Tag über denkt mein Kopf kaum über die Dinge nach, die ihn wirklich beschäftigen. Aber kaum ist Ruhe eingekehrt, verhält er sich wie ein Dachboden, auf dem plötzlich jemand das Licht einschaltet.
Auf einmal sieht man überall Kisten. Und jede trägt die Aufschrift:
"Darüber sollten wir irgendwann einmal reden."
Manchmal frage ich mich, warum das so ist. Vielleicht brauchen Gedanken tatsächlich Ruhe.
Vielleicht warten sie den ganzen Tag geduldig, bis endlich niemand mehr stört. Oder sie sind einfach außergewöhnlich schlecht im Zeitmanagement. Diese Erklärung gefällt mir ehrlich gesagt besser. 😄
Manchmal wünsche ich mir schon, ich wäre ein bisschen einfacher gestrickt. Dass ich mich einfach hinsetzen könnte.
Die Aussicht genießen.
An nichts denken.
Fertig.
Ich kenne Menschen, die können das. Ich bewundere sie ein bisschen. Ich halte sie aber gleichzeitig für leicht verdächtig.
Denn irgendein Gedanke findet sich doch immer. Irgendeine Erinnerung. Irgendeine Idee. Oder plötzlich die Erkenntnis, dass der Kühlschrank ungefähr so leer ist wie die Versprechen auf einem Wahlplakat nach der Wahl.
Mein Gehirn mischt große Lebensfragen und den Einkaufszettel ungefähr so selbstverständlich zusammen wie ein DJ, der nach Beethoven direkt AC/DC spielt. Und vielleicht ist genau das gar nicht so schlecht.
Denn zwischen all diesen Gedanken entstehen erstaunlich oft auch meine Blogtexte.
Nicht geplant.
Nicht vorbereitet.
Sondern genau in diesen ruhigen Momenten, wenn mein Kopf wieder einmal beschließt, Überstunden zu machen.
Ich sag, wie's ist:
Ich hätte manchmal wirklich gerne einen Ein-Aus-Schalter für meinen Kopf.
Andererseits...wären dann vermutlich auch meine Geschichten deutlich langweiliger.
Und ehrlich gesagt... würde mir genau das wahrscheinlich irgendwann fehlen.



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