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Drei Bier und der Rest ist Schweigen

(Oder: Ein Abend zwischen Bahnhof, Boulevard und bitteren Wahrheiten)

Also das war gestern los........und das ist kein politisches Statement!

Freitagabend, kurz nach sieben.

Der Arbeitstag hat mir noch den Kopf benebelt, als mein Bauch entscheidet:

„Geh noch schnell zum Bahnhof.“ Warum? Spielt im Moment keine Rolle. Vielleicht ein Parket. Vielleicht Pflichtgefühl. Vielleicht einfach Sommerabend und Bahnhofsluft.


Ich steh also da.

Vor dem Hauptbahnhof.

Neben mir ein Würstelstand, der vermutlich mehr von dieser Welt gesehen hat als wir alle zusammen.

Und dann seh ich ihn:

Ein älterer Mann – ich schätz ihn so auf 65, vielleicht 70.

Klein. Bissl wacklig auf den Beinen. Ein bunter, leicht zerschlissener Turban auf dem Kopf, der Geschichten erzählt, bevor er ein Wort sagt.

So einer, bei dem man denkt: „Der war mal irgendwo ganz woanders zuhause.“


Er kommt schwankend aus dem Supermarkt.

Und plötzlich – wie aus dem Nichts –

Security links. Security rechts.

Zack, Zugriff.


Es kommt zum Gerangel.

Der Mann wehrt sich. Dann liegt er am Boden.

Und aus seiner Jacke kullern drei Dosen Wieselburger Märzen.

Bühne frei für das Bahnhofstheater.


Er murmelt. Halb Deutsch, halb Englisch.

Etwas von seinen Kindern in Indien, von Sehnsucht, vom Nicht-aushalten, vom Heimgehen.

Ich versteh nicht alles, aber mehr als mir lieb ist.


Ja, er hat etwas gestohlen. Keine Frage.

Drei Bier.

Regeln sind Regeln.

Sicherheitspersonal tut, was es tun muss.

Aber in diesem Moment, da denk ich mir:

Was, wenn das kein Diebstahl war, sondern ein Aufschrei?

Was, wenn diese drei Bier sein Versuch waren, kurz durchzuatmen, in einem Leben, das ihn längst ausgespuckt hat?


Ein Taxifahrer ruft die Polizei.

Das Kommissariat ist exakt 52 Meter entfernt – aber es dauert 15 Minuten, bis jemand auftaucht.

Vier junge Beamte. Dann noch drei.

Sieben Menschen in Uniform.

Einer am Boden.

Ein Mensch.

Ein Dieb, ja – aber vielleicht auch nur ein müder, trauriger Mann, der irgendwo zwischen Medikamenten, Melancholie und Märzenbier langsam die Fassung verliert.


Rundherum: 100 Schaulustige.

Smartphones gezückt.

Hirn ausgeschaltet.

Empathie irgendwo in der Tiefkühlabteilung.


Und dann tritt sie auf die Bühne:

Frau Kostümchen.

Rollkoffer.

Lippenstiftfarbe „Airport-Apricot“.

Sichtlich genervt.

Urlaub abgebrochen. Airporttrain genommen. Jetzt –

kein Taxi mehr in Sicht.

Schlimmer Tag.


Und als wär’s ein Satireprogramm auf ServusTV, dreht sie sich zu mir und sagt:

(ohne das sie irgendwer um ihre Meinung gebeten hätte)

„Ich flieg extra wegen einen Wasserschaden in unserer Villa von unserem Urlaub zurück. Und jetzt das. Typisch Migranten… Gesindel…“

Ich schau sie an.

Atme einmal.

Zweimal.

Langsam.

Dann sag ich:

„Mutig, solche Aussagen zu machen. Solche Sätze hört man sonst doch eher in der eigenen Freundes-Bubble. Man bleibt ja gern unter sich.“

Sie versteht’s nicht.

Mein Sarkasmus perlt an ihr ab wie ein Campari an einer Emaille-Terrine.

Also setz ich nach:


„Wenn Sie meinen Sarkasmus nicht verstanden haben – ich erkläre ihn gerne. Verstehen müssen Sie ihn schon selber.“

Aber zurück zum Geschehen.

Die junge Polizistin zückt die Handschellen.

Mit einem leicht genervten:


„So, jetzt bist du verhaftet!“

– der DU-Ton kommt ganz selbstverständlich –

setzt sie ihm ein Knie in den Rücken.

Zack. Ruhiggestellt.


Ich, sarkastisch ruhig, aber innerlich kochend, sag:

„Ich hätte einen Lösungsvorschlag. Ich zahle die drei Wieselburger Märzen. Wenn’s sein muss, auch die Anzeige. Und der ältere, buddhistische Herr mit mehr Mitgefühl im Herzen als wir alle zusammen – der darf nach Hause gehen. Deal?“

Antwort: „Geh weg, das ist eine Amtshandlung.“

Ich: „Gehen Sie weg, bitte. Danke.“


Ich weiß, ich bin ungerecht.

Zur Polizei, die ihre Arbeit macht.

Zur Security, die nach Vorschrift handelt.

Und ja – auch zu Frau Kostümchen,

die einfach nur in ihrer Blase lebt.

Einer Blase, in der die geschenkten Ohrstecker schwerer wiegen als das Herz.

Wo man glaubt, dass Geld und zwei Wochen im Santorini-Eigenheim und Branzino auf der Terrasse mit Freunden reichen, um sich ein Urteil über die Welt zu erlauben.


Aber irgendwas an diesem Abend hat mich aufgerieben.

Vielleicht war’s der Moment, in dem ein Mensch weinte –

und keiner hinsehen wollte.


Und plötzlich…

tippt mir jemand auf die Schulter.

„Ah, da bist du.“

Ich dreh mich um. Und lächle.


Ich sag, wie’s ist:

Der Mann ist ein Dieb.

Aber vielleicht war er auch einfach ein Mensch,

der an diesem Tag das Leben nicht mehr ausgehalten hat.

Drei Bier – das war sein SOS.

Und unsere Antwort war: Handschellen.

Vielleicht ist das der wahre Diebstahl.

Hab ich schon erwähnt das ich ungerecht bin?

 
 
 

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