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Die Brillen-Saga, Teil 2 – oder: Durchblick ist relativ



Also hab ich’s getan.

Heute in der Früh, gleich wenn der Laden aufsperrt – rein zum Optiker-Ketten-Laden.

Was man erledigt hat, hat man erledigt.

Ich dachte mir, nach gestern kann ja nichts mehr schiefgehen.

Und wer mich kennt, weiß: Ich geh grundsätzlich mit positiver Einstellung an alles ran.

Hilft ja nix.


Tür auf – rein – und schon bin ich wieder da.

Zwei Damen mit Brille hinterm Tresen, natürlich.

Hier trägt jeder Brille.

Ich glaube, man wird nur eingestellt, wenn man im Lebenslauf mindestens eine Sehschwäche oder eine Vorliebe für Fensterglas im Gesicht nachweisen kann.


„Sehr schön“, sag ich, „und wer von Ihnen wäre jetzt für mich zuständig?“

Sie schauen sich an, die eine bleibt da.

Ich erklär, dass ich gestern schon da war – wegen Ersatzbrille, gleiche Fassung, Sie wissen schon.

Sie lächelt, nickt, sagt dann:

„Setzen Sie sich bitte kurz, ich bin gleich bei Ihnen.“

Ich setz mich also brav.


Nach drei Minuten taucht sie auf.

Nein, falsch – sie stürmt auf.


Ein junges Mädchen, vielleicht in der ersten Woche ihres Lebens als Optikerin.

Verschwitzt, Wangen rot, auf der Bluse kleine Wasserflecken, und – ich sag’s ganz ehrlich – der Duft war nicht Chanel Nº 5.

Eher… nennen wir’s authentisch.


Aber gut, jeder fängt mal an.

Nur vielleicht nicht direkt an meinen Augen.

Denn die sind, nach zwei Star-Operationen, ohnehin schon Meisterwerke der modernen Medizin.

Echte Linse hab ich keine mehr – also, nur noch die aus Kunststoff.

Da will man dann doch lieber einen Profi.


Sie setzt sich, zückt ein Tablet, und fragt:

„Warum sind Sie heute hier?“

Ich atme kurz durch.

„Wegen einer Brille“, sag ich. „Einer Ersatzbrille. Die gleiche Geschichte wie gestern. Gleiche Fassung, gleiche Gläser, keine Experimente.Den Kolleginnen hätte ich es schon erklärt“

Sie nickt, verschwindet, kommt wieder – mit meiner Brille in der Hand.

„Ich hab sie mal geputzt“, sagt sie stolz.

Ich sag nix.

Ich atme nur.

Lang.


Dann kommt das Tablet zum Einsatz.

„Sind Sie bei uns Kunde?“

Ich buchstabiere meinen Namen.

Fehlanzeige.

"Vielleicht sind Sie woanders Kunde?"

„Darf ich mal selbst?“ frag ich.

Ich geb meinen Namen ein – zack, da bin ich.

Sie staunt.

Ich grinse.

„Sehen Sie, Wunder geschehen – man muss nur hinschauen.“


Wir kommen langsam voran.

Sie verschwindet wieder, kommt mit einem Koffer zurück, voller Gläser und Gestelle.

„Ich mach jetzt mal eine halbe Dioptrie mehr“, sagt sie, „und Sie schauen bitte auf die Karte, ob Sie’s besser sehen.“

Ich setz die Testbrille auf – und seh gar nichts.

Alles verschwommen.

Wie durch Nebel.

Oder Milchglas.

Oder Tränen, falls ich welche gehabt hätte.


In diesem Moment überlege ich, ob ich jemanden rufen soll. Wir fällt aber nur der Name Wilma ein, aber die ist aus der Steinzeit. Wilma Feuerstein.

Die junge Dame schaut mich an, sichtlich ratlos.

„Versteh ich nicht“, sagt sie, steht auf, verschwindet wieder.


Ich scanne den Raum nach Kameras – ich bin mir sicher, das hier ist Versteckte Kamera – die Optiker-Edition.


Dann, wie ein Segen, taucht eine andere Dame auf.

Ruhig, gelassen, Erfahrung im Blick – und eine Brille, die mehr über Kompetenz verrät als jedes Namensschild. Auf ihrem steht übrigens Optikerin.

Sie fragt:

„Kann ich unterstützen?“

Die Auszubildende erklärt:

„Der Herr sieht trotz mehr Dioptrien weniger.“

Ich sag trocken: „Da hat’s was.“

Die Optikerin beugt sich runter, schaut auf die Gläser.

„Welche hast du denn da draufgesteckt?“

„Na die mit der roten Umrandung“, sagt die Junge.

„Ja, aber der Herr braucht doch eine Lesebrille – das sind die Fernsichtgläser! Genau andersrum!“


Die Azubine nickt, schaut, schweigt – und sagt dann:

„Ich geh jetzt lieber.“

Und weg war sie.

Vielleicht duschen. Vielleicht kündigen.


Die Optikerin setzt sich mir gegenüber, grinst.

„Was kann ich für Sie tun?“

Ich sag:

„Wissen Sie was – ich glaub, das war alles ein Test. Für mich. Für die Geduld. Für den Humor. Ich bin noch da, also – bestanden. Ich hätte das alles schon mehrmals erklärt“


Sie lacht.

Und in dem Moment kommt die Kollegin, die mich kennt, vorbei, ruft quer durch den Laden:

„Ah, der Herr Malloth! Sie sind da wegen der Ersatzbrille, oder?“

Ich nicke, erleichtert.

Endlich jemand, der mich und meine Sehschwäche versteht.


Wir finden mein Modell – also fast.

„Das gibt’s nur noch einmal in Deutschland“, sagt sie.

„Können wir bestellen.“

Ich nicke.

„Machen Sie das. Ich bin ja kein Tourist, ich warte gern.“

Wir einigen uns schließlich auf eine Brille, die genauso aussieht wie meine alte –

nur mit einer anderen Nummer.

Sie schaut mich an, zufrieden, und sagt zum Abschluss:

„Soll ich Ihnen die Brille noch putzen?“


Ich lache laut.

„Bitte nicht“, sag ich. „Auch das hatten wir schon. Bringen Sie lieber die Bestellung in Gang.“


Wir einigen uns also, sie bestellt die Brille, und ich verlasse mit dem Gefühl den Laden, gerade ein Kapitel der Menschheitsgeschichte überlebt zu haben.


Und das glaubt mir niemand!

Ich geh zum Auto. Draußen, beim Parkplatz steht die Auszubildende.

Eine Zigarette in der einen Hand, das Handy in der anderen.

Ich geh vorbei – und hör sie sagen:

„Macht Spaß hier! Ist total einfach, der Job.“


Ich sag, wie’s ist:

In dem Moment war ich mir nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll.

Ich hab mich fürs Lachen entschieden.

War die klarste Sicht, die ich an diesem Tag hatte.

 
 
 

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