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eine kleine Ode an Kalendersprüche- oder auch nicht...


Es gibt Dinge, die begleiten uns durchs Leben, ohne dass wir sie jemals bewusst eingeladen hätten.


Sie stehen plötzlich einfach da, wie dieser eine Bekannte, der immer „ganz zufällig“ am selben Tisch sitzt, obwohl niemand so genau weiß, wer ihn eigentlich mitgebracht hat.

Zu diesen Dingen gehören: Fieberblase am Tag eines wichtigen Termins.

Die eine Mücke im Schlafzimmer, wenn man gerade eingeschlafen ist.

Und – Kalendersprüche.


Diese kleinen, wohlmeinenden Textschnipsel, die aussehen, als hätten sie ein Sommerpraktikum bei Konfuzius gemacht, nur um dann doch als Aushilfe im Inspirations-Discounter zu enden.

Da hängen sie dann, Monat für Monat, Blatt für Blatt, und sagen Dinge wie:

„Carpe diem.“

Natürlich, klar – mach ich.

Sobald ich drei Kaffee intus habe, die Steuererklärung fertig ist und mein innerer Schweinehund mir schriftlich bestätigt, dass er heute frei macht.


Oder mein persönlicher Favorit:

„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“

Geh bitte.

Mein Traum letzte Nacht war, dass ich in Jogginghose auf einem Einhorn durch den Supermarkt geritten bin.

Wenn ich das lebe, rufen vermutlich nicht die Lifestyle-Magazine an, (tatsächlich passiert, um vielleicht sowas zu machen wie "Gedanken aus dem Alltag") sondern der Sicherheitsdienst vom Spar.


Kalendersprüche sind wie Glückskekse – nur ohne den Keks.

Ein Glückskeks ist ehrlich.

Man bricht ihn auf, liest:

„Eine große Reise steht dir bevor.“

Ja, klar. Bis zur Endstation der Bim vielleicht, wenn überhaupt Zeit ist.


Man lacht, isst den Keks, alles gut.

Aber ein Kalenderspruch?

Der hängt da. Starr.

Wie ein Mitbewohner, der jeden Morgen unbeirrt in die Küche kommt und ruft:

„Na? Heute schon dein inneres Kind umarmt?“

Ich habe so einen Kalender nicht.

Nicht, weil ich Kalendersprüche hasse – ich habe einfach Angst, dass ich sie irgendwann ernst nehme. Dass ich frühmorgens mit noch halbgeschlossenen Augen auf so einen Satz blicke, sagen wir:

„Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“

…und dann auf einmal alles umschmeiße.

Neuen Haarschnitt, Kündigung, Couch an die andere Wand.

Nur weil ein Papierschnipsel beschlossen hat, dass ich heute einen Neuanfang brauche.

So weit kommt’s noch.


Außerdem: Ich schreibe selbst.

Und wenn man schreibt, muss man höllisch aufpassen, dass die eigenen Gedanken nicht plötzlich so klingen wie ein Kalenderspruch.

Das ist der wahre Horror.


Da sitzt man, ganz ehrlich, ganz bei sich, tippt einen Satz wie:

„Manchmal braucht man nur einen klaren Kopf und einen guten Kaffee, um weiterzumachen.“ Und kaum steht er da, sieht er aus, als hätte er schon auf einem Poster im Yogastudio gehangen. Dabei war es einfach nur mein Gedanke – roh, echt, unverpackt.

Ich verstecke mich nicht hinter schönen Worten, ich versuche nur, mich nicht selbst in ein Pinterest-Zitat zu verwandeln.


Vielleicht ist das der schmale Grat, auf dem wir alle balancieren:

Zwischen echter Erkenntnis und „geh bitte“.

Zwischen Momenten, die uns wirklich berühren – und Sprüchen, die klingen, als wären sie bei einem „Weisheiten-Outlet“ im Sale gewesen.


Und das Gefährliche daran ist:

Manchmal funktionieren diese Sätze.

Man liest sie, man rollt mit den Augen, man denkt sich: Oh bitte, nicht schon wieder so ein Kalenderspruch. Und dann, ein paar Stunden später, sitzt man da und macht genau das, was der Spruch einem geraten hat.

So wie beim Horoskop.

Man weiß, dass es Humbug ist.

Man weiß, dass „Mars im dritten Haus“ nicht wirklich erklärt, warum man heute genervt ist.

Und doch liest man es. Und irgendwie glaubt man der Version im Lifestyle-Magazin mehr als der nüchternen in der Tageszeitung.


Vielleicht, weil das Lifestyle-Horoskop klingt wie eine schillernde Wahrsagerin im Seidenkaftan, die dich nach dem Lesen noch zu einem Glas Champagner einlädt:

„Heute öffnet sich eine Tür für dich. Folge deinem Herzen. Und gönn dir die neue Handtasche – du hast es dir verdient.“

Während das Tageszeitungs-Horoskop klingt wie ein Beamter:

„Sie sollten vorsichtig sein, was Ihre Finanzen betrifft.“

Das eine glitzert, das andere stempelt ab. Kein Wunder, wofür wir uns entscheiden.


Ich glaube, wir Menschen sind da alle gleich gestrickt.

Ein Teil von uns sehnt sich nach Orientierung.

Nach einem leisen „Ja, so ist es richtig“, das von irgendwoher kommt – notfalls auch von einem Papierschnipsel.


Vielleicht sind wir wie Zimmerpflanzen:

Manche brauchen viel Sonne, andere Schatten, aber alle wachsen besser, wenn man ihnen hin und wieder gut zuredet. Und wenn das dann so ein Spruch ist wie:

„Du bist stärker, als du denkst“

…dann nicke ich, trinke meinen Kaffee und antworte leise: „Okay, dann beantworte ich heute endlich die Mails, die ich seit drei Tagen ignoriere.“


Sind Kalendersprüche also Weisheit oder literarisches Fast Food?

Vielleicht beides.

Vielleicht sind sie wie Instant-Nudeln für die Seele:

Nicht besonders nahrhaft, aber manchmal genau das, was man braucht, wenn es schnell gehen muss.


Ich sag, wie’s ist:

Ich habe keinen Kalender mit Sprüchen.

Ich will nicht, dass mein Tag schon am Morgen von einem Blatt Papier vorgekaut wird.

Meine Gedanken sollen frei herumlaufen dürfen, auch wenn sie manchmal stolpern oder Unsinn reden.

 
 
 

1 Kommentar

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Herbert
09. Sept. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ja schrecklich diese Sprüche, hatte meine Oma immer in der Küche hängen. Hat sie mir immer vorgelesen.

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