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Eine Waage. Nur eine Waage.


Ich meine – es wäre ja nicht ich,

würde ich nicht an einem Samstag um 17:40 Uhr draufkommen:


Ich brauche eine Waage.

Heute.

Jetzt.

Unbedingt.


Nicht morgen.

Nicht online.

Nicht „wird schon irgendwie gehen“.


Heute.


Weil ich heute noch etwas abwiegen muss.

Oder besser gesagt: will oder muss.

Und wenn ich etwas will oder muss, dann bitte sofort.


Also rein ins Möbelhaus. Nicht weit weg.

Groß genug, um sich zu verlaufen.

Groß genug, um sich zu fragen, warum man hier eigentlich auch Kerzen, Duftöle und Topfpflanzen kaufen kann, aber keine Ahnung hat, wo eine simple Waage steht.


Ich suche.

Ich gehe.

Ich biege ab.

Ich finde nichts.


Und dann wird’s bei Christoph gefährlich.


Ich suche eine Verkäuferin.

Und man glaubt es kaum – eine taucht auf.

Wie aus einem geheimen Personal-Paralleluniversum.

„Entschuldigen Sie, bekomme ich bei Ihnen eine Waage?“

Sie schaut mich an.

Kurz.

Neutral.

„Wir sind ein Möbelhaus.“

Wenn ich das nicht gewusst hätte, wäre ich jetzt irritiert gewesen.


„War mir nicht unmittelbar klar“, sage ich freundlich.

„Dass Sie kein Krankenhaus oder Elektrofachhandel sind, hab sogar ich intellektuell erfasst.“

Sie mustert mich.


„Wenn Sie mich so fragen – ja, haben wir.“

„Bei sicher über 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche wäre eine Ortsangabe hilfreich.“

Sie dreht sich um.

„Kommen Sie mit.“

„Jawohl. Mitkommen.“


Nach einem gefühlt zehnminütigen Wandertag durch Sofalandschaften, Lampenwelten und Badtextilien stehen wir plötzlich vor einem Regal.


Da ist sie.

Die Waage.


Und dann beginnt sie.

„Die misst Körperfett, zeigt die Temperatur an, den Wasseranteil, hat einen BMI-Index, ermittelt den Kalorienbedarf und ist mit einer App leicht zu bedienen – auch für mehrere Benutzer.“

Ich atme ein.

„Hab ich Ihnen schon gesagt, dass ich eine Waage brauche und kein Fitnessstudio um 19,90?“

„Ich wollt’s ja nur sagen.“


Ich nehme sie.

Mangels Alternative.

Zur Kassa.


Dort fällt mir ein:

Batterien.


Ich frage.

Die Verkaufsleiterin, zufällig nebenbei präsent, sagt:

„Steht’s nicht drauf?“ Ich: „Würde ich dann fragen?“

In diesem Moment mischt sich ein Mann ein, der auf seine Bestellung wartet.

"Also ich glaube, die haben so flache Batterien. Sind eher nicht dabei. Da bin ich mir ziemlich sicher.“

Ich drehe mich zu ihm.


„Glauben und ziemlich sicher ist nicht besonders witzig, wenn ich heute noch eine Waage brauche.“

Kurzes Schweigen.

Allseitiges Nachdenken.

Dann fasst sich die Verkaufsleiterin ein Herz.

„Ich mach jetzt die Verpackung einfach auf.“

Der Einmischer:

„Ja, aber dann ist die Verpackung ja offen.“

Ich bin kurz vorm Ausrasten.


„Das ist der Sinn der Sache.“

Und schwups – ohne Rückfrage in der Konzernzentrale, ohne Compliance-Meeting, ohne Risikobewertung – öffnet sie mit der Präzision einer Herzchirurgin die Verpackung.


Drinnen:

Zwei Batterien.

Ganz normale.

Längliche.

Fernbedienungsbatterien.


Sie zeigt sie mir. Fast triumphierend.

„Na bitte.“


Der Einmischer von hinten:

„Hätte ich mir nicht gedacht.“

Und die Verkaufsleiterin – als hätte sie ein Marketingseminar besucht:

„Wussten Sie, dass Sie mit dieser Waage auch das Körperfett bestimmen können?“

Ich bin mir nicht sicher.

Aber ich glaube, ich wurde etwas lauter.

Paraverbal. Sehr paraverbal.

„Ich brauche eine Waage. Nichts weiter. Einfach. Eine. Waage.“

Ich sage nichts mehr. Kreditkarte hinhalten.

Auf das grüne Signal warten. Pieps.


Und weg war ich.

Mit einer Waage.

Mit Batterien.

Mit Körperfettanalyse.

Mit App-Anbindung.

Mit allem, was ich nie wollte.


Ich sag wie’s ist:

Manchmal will man keine Optimierung.

Kein Upgrade. Kein Zusatzfeature.


Manchmal will man einfach nur eine Waage.

 
 
 

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