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Eine wilde Fahrt


Kurz vor acht Uhr steige ich im Untergeschoss in den Aufzug. Die, die mich wirklich gut kennen, wissen: zu spät kommen ist nicht meine Sache. Punkt.

Verträumt drücke ich den Knopf – leider den falschen. Statt 25: EG.

Aber in 3 Minuten schafft das jeder Aufzug.


Die Türen öffnen sich, und plötzlich ist es wie in einem amerikanischen Film. Eine Menschenmenge drängt hinein, alle wollen gleichzeitig rauf. Nur der Aufzugsboy mit weißen Handschuhen fehlt, der die Etagen höflich ansagt. Schade eigentlich – hätte die Sache ordentlicher gemacht.


Und dann beginnt die wilde Fahrt in den 25. Stock…


Während der Lift sich füllt, wird’s schnell turbulent:

Ein Geschäftsmann presst sich mit strengem Aktenkoffer durch die Menge, eine ältere Dame mit Hundetasche klemmt sich neben mich. Ein Student mit riesigen Kopfhörern kommt dazu, die halbe Bibliothek unterm Arm. Zwei Fensterputzer steigen im 3. Stock zu – jeder mit einer Leberkäsesemmel, deren Geruch sofort den halben Aufzug erobert. Und weil’s nicht genug sein kann, kommt im 5. Stock noch eine junge Mutter mit Kinderwagen dazu. Der Lift ächzt, ein leichtes Ruckeln – und ich denk mir: Na bitte, Hauptsache, der bleibt nicht stecken.


Hinter mir noch zwei elegant gekleidete Frauen. Sie unterhalten sich kurz, und ich hör mit halbem Ohr:

„Eigentlich hätte ich jetzt einen Termin beim Big Boss im 25. Stock. Aber er meinte, es ist was dazwischengekommen. Irgend so ein Typ kommt wegen einer Kooperation. Er hat gemeint, das dauert eh nicht lang.“

Ich denk mir nur: Uuuuups.

Und – ausnahmsweise – halt ich meine Klappe. Keine Kommentare, kein Einmischen. Das passiert mir selten.


Die Türen gehen auf und zu, Menschen rein und raus, der Hund bellt, das Kind weint kurz, die Semmeln duften penetrant, und ich frage mich: "Muss das sein in der Früh?"


Schließlich ding – 24. Jetzt bin ich alleine. Noch einmal tief durchatmen, gleich bin ich oben.


25 Stock. Tür auf. Ich trete raus.

Eine Sekretärin wartet schon, professionell, aber leicht ungeduldig:

„Ich hab Sie schon versucht zu erreichen, dachte, Sie kommen nicht mehr. Darf ich Sie in den Besprechungsraum führen, der Chef wartet schon. Er hat nach Ihnen einen Termin mit der Finanzchefin“

Und da denk ich mir nur: Wusste ich´s doch, ich bin der ominöse Typ aus dem Gespräch – Jede Entschuldigung wär jetzt fehl am Platz.

Also sag ich’s, wie’s ist:

„Führen Sie mich bitte hinein.“

 
 
 

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