Episodisch organisiert – ein Erfahrungsbericht
- Christoph

- 2. März
- 3 Min. Lesezeit

Ich sage ja immer ganz entspannt: Privat organisieren ist nicht so meines.
Damit meine ich nicht Geburtstage oder Dinner-Einladungen.
Ich meine mich selbst. Schlüssel? Sind entweder in meiner Hand oder verschwunden.
Habe ich zugesperrt?
Oder bilde ich mir nur ein, dass ich zugesperrt habe?
War das der Herd?
Oder nur mein schlechtes Gewissen?
Mein Kalender ist digital.
Also theoretisch unzerstörbar.
Praktisch finde ich ihn trotzdem manchmal nicht.
Ich nenne das inzwischen nicht mehr Chaos.
Ich nenne es: kreative Parallelrealität.
Gestern steige ich also in ein Shuttle.
Von A nach B. Ganz unspektakulär.
Ich steige aus.
Gehe fünf Minuten.
Und dann trifft es mich wie eine schlecht getimte Punchline:
Mein Rucksack. Weg.
Nicht „vielleicht woanders“.
Nicht „ach, liegt sicher im Hotel“.
Weg.
Und in diesem Rucksack?
Laptop.
Objektive.
Technik.
Alles in allem ungefähr der Gegenwert eines sehr respektablen Kleinwagens.
Oder sagen wir so: genug, um kurz über Sinnfragen nachzudenken.
Ich stehe da.
Mit diesem Blick, den man nur hat, wenn das Gehirn gerade versucht,
sich selbst zu rebooten.
Ein Taxifahrer beobachtet mich.
Kommt näher. „Alles in Ordnung?“
Ich erzähle ihm die Geschichte.
Er schaut mich an, kurz irritiert, dann entschlossen:
„Wir holen das Shuttle ein.“
Kein Zögern.
Keine PowerPoint.
Kein Strategie-Meeting.
Einfach:
„Einsteigen.“
Und plötzlich sitze ich im Taxi, quer durch eine Stadt, zwischen hupenden Autos,
Ampeln, die sich gegen uns verschworen haben, und meinem inneren Monolog:
Das kann nicht wahr sein. Das kann wirklich nicht wahr sein.
Der Taxifahrer schüttelt zwischendurch den Kopf.
„Wie vergisst man einen Rucksack?“
Ich überlege kurz zu antworten:
Talent.
Lange Übung.
Charaktereigenschaft.
Wir holen das Shuttle tatsächlich ein.
Genau in dem Moment,
in dem der Fahrer seinen Arbeitstag beenden will.
Noch fünf Minuten später
und mein Rucksack wäre hinter einer verschlossenen Scheibe gelandet.
Sichtbar.
Aber unerreichbar.
Eine Metapher für mein Organisationssystem.
Stattdessen: gerettet.
Ich hätte den Taxifahrer umarmen können.
Tat ich nicht. Man muss es ja nicht übertreiben.
Also zurück ins Taxi.vZurück ins Bett. Morgen unterrichten.
Heute.
Aufstehen.
Routine.
Kaffee.
Laptop aufklappen.
Acht Stunden sprechen.
Mit Pausen.
Online.
Ist ja mittlerweile Standard. Nur nicht heute.
Das habe ich allerdings erst bemerkt, als ich wie ein Besessener nach dem Link gesucht habe, um in die Session einzusteigen. Kein Link. Kein Login. Kein „Waiting Room“.
Stattdessen eine kleine, unscheinbare Zeile im Kalender: Raum 431. Vor Ort.
Beginn in 5 Minuten.
Ich war 40 Minuten entfernt. Bei guter Verkehrslage.
Und gute Verkehrslage ist in dieser Stadt ein Gerücht.
Also wieder Taxi.
Der Fahrer diesmal ein anderer. Ich erkläre die Situation.
Er sieht mich im Rückspiegel an, so wie man jemanden ansieht,
der gerade erzählt hat, er habe versehentlich sein Haus abgeschlossen
und stehe jetzt draußen.
„Heute ist nicht Ihr Tag, oder?“
Ich:
„Es ist… ein Thema.“
Er lacht. Ich lache.
Innerlich rechne ich, wie viel dieses spontane Taxifest mich gerade kostet.
Ein akademisches Viertel? Das war das nicht mehr.
Das war ein komplettes Semester.
Verkehr. Stau.
Ein Lieferwagen entscheidet sich, mitten auf der Straße neu über sein Leben nachzudenken.
Eine Ampel springt genau dann auf Rot, wenn wir sie am dringendsten brauchen.
Ich starre auf die Uhr.
Der Fahrer tritt ein bisschen beherzter aufs Gas.
„Wir schaffen das.“
Ich fühle mich wie in einem Actionfilm, nur ohne Actionheld.
Und ohne Budget.
Und dann: Raum 431. Tür auf. Atmen.
Ich beginne zu sprechen, als wäre nichts gewesen.
Professionell.
Strukturiert.
Ruhig.
Niemand merkt, dass ich gerade in den letzten 24 Stunden
ein kleines Organisations-Desaster-Festival hinter mir habe.
Acht Stunden später:
Applaus.
Fragen.
Gespräche.
Und ich denke mir nur: Wie ist das möglich?
Beruflich funktioniert mein Kopf wie ein präzises Schweizer Uhrwerk.
Privat? Eher wie ein experimentelles Kunstprojekt.
Vielleicht liegt es daran, dass mein Gehirn ständig mit Ideen beschäftigt ist
und deshalb Dinge wie „Rucksack“ und "Präsenzveranstaltung“ unter Nebensache abspeichert.
Vielleicht bin ich einfach neben mir.
Oder ich habe eine besondere Begabung dafür,
mein eigenes Leben
spannender zu gestalten,
als es notwendig wäre.
Was zu Henker ist bitte los mit mir?
Ich weiß es nicht.
Aber eines weiß ich:
Am Ende war der Rucksack da.
Ich war im Raum 431.
Und der Tag ist überlebt.
Vielleicht ist Organisation nicht mein Talent.
Aber Improvisation?
Da bin ich ziemlich gut.
Ich sag wie’s ist:
Solange ich am Ende dort bin, wo ich sein soll –
auch wenn es über Umwege, Taxis und leichte Herzrhythmusstörungen passiert –
bin ich wohl einfach… episodisch organisiert.
Und das ist ja auch eine Form von System. 😉



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