Flip-Flops können mehr.
- Christoph

- 18. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Ich gehe heute durch die Stadt, eigentlich ohne Ziel. Kopf voll, Gedanken kreisen. Und wie das so ist, wenn man nachdenkt, schaut man automatisch mehr Richtung Boden als nach vorne. Nach ein paar Ecken merke ich: Da tut sich was. Nicht die Straße, nicht die Steine – die Schuhe der Leute. Genauer: die Flip-Flops.
Links neben mir klatscht ein Paar im perfekten 4/4-Takt, als würde eine Marschkapelle unsichtbar mitlaufen. Die Besitzerin trägt einen leichten Sommeranzug, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt. „Nein, das schicken wir Montag raus“, sagt sie, dann setzt sie einen entschlossenen Doppelschritt. Klack-klack. In meinem Kopf bläst jemand eine Fanfare.
Vor mir tänzeln zwei neonpinke Schlappen. Sie gehören zu einer Frau mit riesiger Sonnenbrille, die an einem Schaufenster stehenbleibt, ihr Spiegelbild prüft und dann – ich schwöre – einen kleinen, völlig unnötigen Dreh macht. Der Sound ist Flamenco, inklusive imaginärer Kastagnetten. Eine ältere Dame neben mir flüstert zu ihrer Begleitung: „Schau, die tanzt ja!“ – „Oder die Schuhe“, sage ich. Wir grinsen.
Von rechts schiebt sich ein tiefes „schlapp… schlurf… schlapp“ in mein Ohr. Schwarze Flip-Flops, breite Riemen, getragen von einem Mann in Leinenhose, der den Sommer offenbar ernst nimmt. In meinem Kopf ist das ein müder Kontrabass, der auf einer Holzbühne brummt. Der Mann hebt den Blick, sieht mich zuhören und nickt mir zu, als ob er wüsste, dass wir gerade dasselbe Konzert hören.
Hinter mir setzt ein präzises „klack-klack-klack“ ein – schnell, kurz, kompromisslos. Ein junger Typ, Kopfhörer auf, T-Shirt mit Bandlogo, die Flip-Flops abgenutzt wie ein Lieblingsmixtape. „Entschuldigung“, murmelt er, als er vorbeizieht. Ich hebe die Hand wie ein Dirigent, der Einsätze verteilt. Er lächelt und beschleunigt unwillkürlich. Jetzt ist es Schlagzeug. Kurzes Solo. Applaus aus meinem Kopf.
An der Ampel stehen drei Menschen nebeneinander – und plötzlich habe ich ein Trio. Links: ein plopp-plopp, als würde jemand Korken aus sehr kleinen Flaschen ziehen. Mitte: flapp… flapp, weicher, fast scheu, wie ein Cello im Warm-up. Rechts: ein nervöses tik-tik-klack, das nach Metronom klingt, kurz vor zu schnell. Die Ampel springt auf Grün, und das Trio löst sich auf, wie Musik, die jemand aus Versehen stoppt.
Vor einem Kiosk bleibt ein Mann mit Strohhut stehen, seine Flip-Flops quietschen bei jedem zweiten Schritt – Gummi auf glattem Pflaster, Tonhöhe „komisch“. Er prüft die Schlagzeilen, dann mich. „Ist heiß, gell?“ – „Ja“, sage ich, „aber die Musik ist gut.“ Er schaut zu Boden, lauscht, lacht. „Stimmt.“
Eine junge Frau telefoniert im Gehen, ihre Flip-Flops schlagen einen erstaunlich stabilen Off-Beat. „Nein, nein, ich bin ganz ruhig“, sagt sie – klack-… klack – „wirklich ruhig“ – klack! – „also relativ.“
Vor einem Bürohaus raucht ein Mann im Hemd, Krawatte gelockert, die Flip-Flops neu, wahrscheinlich gestern gekauft. Jeder Schritt klingt noch unsicher, als wüssten die Schuhe nicht, wie laut sie sein dürfen. Klack? klack. Er zieht an der Zigarette, schaut auf die Uhr, setzt dann zwei entschlossene Takte. Ich höre eine kleine Motivationsrede ohne Worte.
Und dann die Szene, die ich am liebsten mag: Ein Kind balanciert am Randstein, Flip-Flops viel zu groß, die Schritte unberechenbar. Flapp… Pause… flapp-flapp… Das ist eindeutig Jazz. Die Begleitung kommt von der Mutter in Sneakers, die mit ihrem Blick sagt: „Ich passe auf“, und mit ihrem Tempo: „Aber mach ruhig.“
Ich wechsle die Straßenseite, nur um zu prüfen, ob dort eine andere Tonart herrscht. Tut sie. Die Schattenseite klingt weicher, die Schritte gedämpft, als wären die Schuhe in Filz eingewickelt. Die Sonnenseite knackt, knallt, funkelt. Sommer produziert sein eigenes Mastering.
Über all dem hängt ein Gedanke, der mit jedem Meter klarer wird: Man hört das nur, wenn man nach unten schaut. Nicht ins Handy, nicht in die nächste Ecke – wirklich nach unten. Auf einmal ist der Gehsteig keine graue Fläche mehr, sondern ein Orchestergraben. Keine Eintrittskarte, keine Garderobe, keine Zugaben – nur Menschen, die gehen, und Schuhe, die klingen.
Dann biege ich ab. Das Konzert wird leiser, aber es bleibt als Ohrwurm.
Ich sag, wie’s ist:
Ich hab’s mir schon heimlich gedacht, aber nie gesagt… Flip-Flops können mehr, als ich vermutet habe. 😉



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