Zwei Stunden Flughafen
- Christoph

- 14. März
- 4 Min. Lesezeit

Ich musste eineinhalb Tage weg.
Irgendjemand meinte, ich solle dort etwas präsentieren. Warum genau ich dafür ausgewählt wurde, ist mir bis heute nicht ganz klar. Aber irgendwann steht so etwas im Kalender und plötzlich sitzt man morgens mit einem kleinen Koffer im Taxi Richtung Flughafen.
Und schon im Taxi beginnt das erste kleine Drama.
Der Fahrer schaut auf die Uhr.
Dann auf die Straße.
Dann wieder auf die Uhr.
Irgendwann sagt er:
„Sie wissen schon… dort darf man nur ganz kurz stehen bleiben.“
Dieses „ganz kurz“ klingt so, als hätte er ungefähr 14 Sekunden Parkzeit, bevor irgendwo eine Sirene losgeht und ein Flughafenbeamter aus einem Gebüsch springt.
Je näher wir dem Terminal kommen, desto nervöser wird er.
Der Wagen steht schließlich da wie ein Fluchtauto nach einem Banküberfall.
Koffer raus. Tür zu. Motor läuft.
Der Mann fährt weg, als hätte er gerade jemanden über die Grenze gebracht.
Und dann beginnt sie.
Diese Flughafenregel, die mir bis heute niemand logisch erklären konnte:
„Seien Sie zwei Stunden vorher da.“
Zwei Stunden.
Zwei Stunden auf einem Flughafen sind eine erstaunlich lange Zeit.
So lange, dass man beginnt, Dinge zu beobachten.
Sehr viele Dinge.
Zum Beispiel den Bookshop.
Diese literarischen Inseln der spontanen Bildung.
Ein Laden, der alles verkauft, was man theoretisch während eines Fluges lesen könnte – und praktisch meistens nicht liest.
Romane mit 700 Seiten über die Austauschstudentin, die sich auf einem Herrensitz in Südengland in den Sohn des Duke of.....verliebt und die Dame des Hauses gar nicht amused ist, dass dieses junge Mädchen nicht von Adel ist.
Reiseführer für Städte, in denen man gar nicht landet.
Magazine über ein Leben, das man eigentlich gar nicht führt.
Und natürlich diese Psychologie-Ratgeber, die vermutlich genau für Menschen geschrieben wurden, die gerade realisieren, dass sie gleich in eine Aluminiumröhre steigen, die mehrere hundert Kilometer durch die Luft fliegt.
„Gelassen fliegen.“
„Die Kraft des inneren Friedens.“
„Angst ist nur ein Gedanke.“
Alles Bücher, die wahrscheinlich direkt neben Gate 17 entstanden sind.
Und natürlich stehen dort auch Mannerschnitten aus Wien.
Damit man, falls man zufällig nach Singapur fliegt, wenigstens keinen akuten österreichischen Zuckermangel bekommt.
Dann kommt der kulinarische Teil.
Ein Sandwich kostet ungefähr so viel wie der gebuchte Safari-Tripp in Tansania
Eine Flasche Wasser hat den Preis eines Rotweines, Sassicaia 2021 Tenuta San Guido
Und plötzlich beginnt man zu verstehen, warum Flugzeuge überhaupt fliegen müssen – die Preise haben längst abgehoben.
Dann gibt es den Bereich, den ich bis heute nicht vollständig verstanden habe.
Duty Free.
Ich weiß, dass es „zollfrei“ bedeutet.
Aber jedes Mal frage ich mich: Wenn das hier wirklich günstiger ist…
wie teuer ist dann der Rest der Welt?
Die Parfum-Abteilung ist besonders faszinierend.
Dort stehen elegante Damen mit perfekt gestylten Haaren und einem Duft, der so intensiv ist, dass man plötzlich überhaupt nichts mehr riecht. Außereben diese Dame.
Und dann kommt diese Szene, die vermutlich auf jedem Flughafen der Welt gleichzeitig passiert.
Eine Dame. Mit einem Mini-Hund. Der Hund trägt ein sehr hübsches Kostümchen. Mit Kapuze. Vielleicht sogar mit kleinen Knöpfen. Der Hund selbst ist ungefähr so groß wie ein leicht beleidigtes Meerschweinchen. Und die Dame steht vor dieser berühmten Handgepäck-Messbox.
Dieses Metallgestell, in das man seinen Koffer stecken muss, um zu beweisen, dass er nicht größer ist als erlaubt. Und sie sagt zum Mitarbeiter:
„Wenn er da reinpasst, darf er doch mit in die Kabine, oder?“
Der Mitarbeiter schaut sie an. Dann den Hund. Dann die Box. Dann wieder die Dame.
Man sieht richtig, wie sein Gehirn kurz überlegt, ob er gerade Teil einer versteckten Kamera geworden ist.
„Das gilt für Handgepäck.“ „Ja“, sagt die Dame. „Er ist mein Handgepäck.“
Der Hund schaut die Box an. Und man sieht ihm an:
Er hat zu diesem Plan eine sehr klare Meinung.
Dann die Sicherheitskontrolle.
Ein Ort, an dem plötzlich alle Regeln des Alltags verschwinden.
Schuhe aus. Gürtel aus. Laptop raus. Flüssigkeiten in einen Plastikbeutel.
Und immer dieser eine Mensch vor dir, der überrascht wirkt.
„Oh… das wusste ich nicht.“
Er steht da mit:
Laptop.
Tablet.
Powerbank.
fünf Kabeln.
einer Wasserflasche.
Und schaut den Sicherheitsbeamten an, als hätte dieser gerade eine völlig neue Sportart erfunden. Und mir ist das alles egal..Ich zeige meinen Implantatausweis...fasel was von nicht lange stehen können..und fertig.
Dann gibt es noch die Koffer-Tester. Kennst Du die?
Menschen, die mit ihrem Rollkoffer einfach im Kreis fahren.
Hin. Zurück. Nochmal hin.
Als würden sie prüfen, ob der Koffer wirklich rollt.
Manchmal habe ich das Gefühl, manche Menschen kaufen einen Rollkoffer nur, um ihn anschließend auf möglichst vielen Böden auszuprobieren.
Und während alle anderen hektisch durch die Gegend laufen, gibt es eine Gruppe von Menschen, die vollkommen entspannt wirkt.
Die Fahrer dieser kleinen Reinigungsfahrzeuge.
Sie fahren mit einer Geschwindigkeit, die irgendwo zwischen gemütlichem Spaziergang und botanischem Wachstum liegt.
Vielleicht ein Kilometer pro Stunde. Vielleicht weniger.
Aber sie wirken dabei so entspannt, als hätten sie längst verstanden:
An einem Flughafen rennen zwar viele Menschen.
Aber schneller als das Flugzeug kommt trotzdem keiner weg.
Dann gibt es noch diese Menschen mit den Lanyards.
Menschen mit so vielen Ausweisen um den Hals, dass man glauben könnte, sie arbeiten gleichzeitig für fünf Firmen, zwei Sicherheitsdienste und nebenbei für ein Coldplay-Konzert.
Und dann gibt es die Menschen, bei denen man sich nicht ganz sicher ist.
Menschen mit einem Koffer. Einer Zeitung. Und diesem leicht entrückten Blick, als hätten sie verstanden sie müssten sie den Rest ihres Lebens im Transitbereich verbringen.
Man denkt sofort an den Film: „Der Terminal.“ Tom Hanks.
Nur ohne Kamera.
Während man all das beobachtet…vergehen diese zwei Stunden.
Langsam.
Sehr langsam.
Aber sie vergehen.
Und dann passiert jedes Mal dasselbe.
Ganz egal, wie früh ich da bin.
Ganz egal, wie organisiert ich glaube zu sein.
Irgendwann hört man diese Durchsage.
Mit dieser ganz speziellen Flughafen-Stimme.
Ruhig. Sachlich. Unaufgeregt.
„Wir bitten den Passagier Malloth…
Passagier Malloth…
sich umgehend zu Gate E32 zu begeben.“
..und dann das ganze nochmals in Englisch
Und wenn ich dann humpelnderweise dort ankomme, stehen 200 Menschen vor dem Boarding, die alle glauben sie bekommen vielleicht keinen Platz mehr, wie in der U-Bahn von Tokio.
Ich persönlich bin in jeder Situation gerne unter den letzten 3.
Dann ist man in Wirklichkeit ganz weit vorne 😉
Ich sag, wie’s ist: Ich war noch nie zu spät.
Aber ich arbeite offensichtlich jedes einzelne Mal mit großer Hingabe daran.



Ich sehe dich förmlich 😉😂