Gedanken, die Überstunden machen
- Christoph

- 6. März
- 3 Min. Lesezeit

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob mein Kopf eigentlich einen Ein-Aus-Schalter hat.
Also theoretisch natürlich schon.
Praktisch scheint er aber eher ein Gerät zu sein, das irgendwo zwischen Dauerbetrieb, Analysemodus und „Moment, ich denke da noch kurz drüber nach“ feststeckt.
Man nennt das ja heutzutage sehr elegant: Overthinking.
Früher hätte meine Oma einfach gesagt:
„Der Bub denkt zu viel.“
Und wahrscheinlich hätte sie damit gar nicht so unrecht gehabt.
Overthinking beginnt meist ganz harmlos.
Ein Gedanke.
Dann noch einer.
Dann eine kleine gedankliche Nebenstraße.
Dann plötzlich ein kompletter Autobahnknoten mit sechs Abfahrten.
Und ehe man sich versieht, sitzt man gedanklich nicht mehr bei der ursprünglichen Frage
„Soll ich diese Nachricht jetzt schicken?“
Sondern bei:
„Was bedeutet eigentlich Timing im Leben?“
„Warum reagieren Menschen manchmal völlig anders als erwartet?“
„Und hätte ich 1998 vielleicht doch Klavier lernen sollen?“
Gedanken sind erstaunlich schnell.
Ich habe irgendwann festgestellt, dass Overthinking zwei Gesichter hat.
Das erste ist das berufliche. Dort ist es ziemlich praktisch.
Wenn man Marketing macht, Strategien entwickelt, Konzepte zerlegt und wieder zusammensetzt, dann ist ein Kopf, der ständig Dinge hinterfragt, nicht das schlechteste Werkzeug.
Man sieht Muster.
Man erkennt Zwischentöne.
Man denkt einen Gedanken zwei Schritte weiter,
während andere noch beim ersten stehen.
Das ist der Moment, wo Menschen sagen:
„Du denkst aber schnell.“
Ich lächle dann meistens höflich.
Denn was sie nicht wissen:
Der Gedanke hat bereits drei weitere Schleifen gedreht.
Das zweite Gesicht von Overthinking ist das private.
Und dort ist es… sagen wir: weniger effizient.
Da kann ein Satz, eine Geste, eine kleine Situation eine ganze Gedankenkette auslösen.
Nicht dramatisch. Aber intensiv.
Man betrachtet Dinge von mehreren Seiten.
Man überlegt, was jemand gemeint haben könnte.
Man denkt darüber nach, was man selbst vielleicht anders hätte sagen können.
Nicht aus Unsicherheit.
Eher aus Neugier.
Oder aus dieser seltsamen Mischung aus Empathie und Analyse, die Menschen wie mich manchmal begleitet. Es gibt Menschen, die können Dinge einfach stehen lassen.
Ein Gespräch ist ein Gespräch.
Ein Ereignis ist ein Ereignis.
Ende.
Ich bewundere diese Fähigkeit. Wirklich.
Denn bei mir passiert oft etwas anderes.
Ein Gedanke bleibt kurz sitzen.
Wie ein Gast, der eigentlich schon gehen wollte
und dann doch noch einen Kaffee nimmt.
Und plötzlich sitzt man da und denkt über etwas nach, das für andere längst erledigt ist.
Das Lustige ist:
Overthinking wirkt von außen manchmal kompliziert.
Von innen fühlt es sich eher an wie… Interesse.
Interesse daran, wie Menschen funktionieren.
Wie Entscheidungen entstehen.
Wie kleine Dinge manchmal große Wirkung haben.
Vielleicht liegt das daran, dass ich Kommunikation immer schon spannend fand.
Nicht nur das, was gesagt wird.
Sondern das, was zwischen den Worten passiert.
Natürlich gibt es auch Momente, in denen man sich selbst dabei ertappt
und denkt:
„Christoph, das ist jetzt vielleicht ein bisschen viel Analyse für einen Dienstag.“
Dann versuche ich, meinen Kopf kurz in den Leerlauf zu schicken.
Ein Spaziergang.
Eine Kamera in der Hand.
Ein gutes Gespräch.
Oder einfach ein Moment, in dem nichts erklärt werden muss.
Das hilft. Meistens.
Und trotzdem glaube ich inzwischen, dass Overthinking nicht nur ein Problem ist.
Es ist auch eine Art Wahrnehmung.
Manche Menschen sehen Dinge.
Andere hören Dinge.
Und wieder andere
denken Dinge ein bisschen länger.
Vielleicht gehört das einfach zu mir.
Ich werde vermutlich nie der Mensch sein, der alles sofort abschließt, abheftet und weitergeht.
Manche Gedanken dürfen bei mir bleiben. Ein bisschen länger.
Ich sag wie’s ist:
Vielleicht ist Overthinking manchmal anstrengend.
Aber es ist auch der Grund, warum mir Dinge auffallen, die andere übersehen.
Und ganz ehrlich – für einen Menschen, der von Ideen, Gesprächen und Beobachtungen lebt, ist das vielleicht gar keine schlechte Eigenschaft.



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