Geige trifft Disco
- Christoph

- 16. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Die Stadt brütet, der Asphalt flirrt, als wolle er zu Karamell werden. Ich schlendere durch eine Gasse, suche Schatten, finde Klang: eine Geige.
Die Töne sitzen präzise, geschliffen. Vor mir steht eine junge Geigerin: schwarzes Kleid, Haare streng zurück, Haltung aus dem Lehrbuch. Konservatorium steht ihr praktisch auf die Stirn geschrieben. Und ja, sie wirkt japanisch – viele ihrer Kolleginnen spannen bei der kleinsten Sonne elegante Schirme auf; sie steht einfach da, mitten im Licht, und spielt.
Der Bogen setzt an, und der Platz wird still. Bach, groß und klar, die Partita wie ein kühler Luftzug zwischen heißen Fassaden.
Neben mir raunt ein Mann mit Strohhut: „Das ist Bach. Die Partita.
Ich hebe die Augenbraue. „Mag sein – Bach hätte ich vielleicht noch erkannt, vielleicht… Ich bin zwar ein Lexikon in der Popularmusik und ein Zwei-Finger-Virtuose bei Weihnachtsliedern am Klavier, aber das war’s dann auch schon.“
Er lacht leise. Die Geigerin nicht. Sie zieht Linien in die Luft, als würde sie das Pflaster neu vermessen. Dann – ein kaum sichtbarer Schwenk, ein Lächeln, ein anderer Puls. Aus Bach biegt sie in „I Will Survive“. Keine Disco-Kugel, kein Beat. Nur Bogenhaare, Holz und Saiten – und plötzlich groovt Barock.
Zwei Teenager bleiben stehen, filmen, flüstern „Gänsehaut“. Eine Frau mit Einkaufstaschen wippt den Takt, als gehöre ihr der Refrain. Der Mann neben mir nickt anerkennend: „Gleiche Botschaft, neues Packaging.“
„Exakt“, sage ich. „Kernbotschaft bleibt, Frame wechselt. Klassische Markenführung am Gehsteig.“
Die Geigerin summt eine Zeile ins kleine Ansteckmikro – „At first I was afraid…“ – zart, fast verschmitzt. Ein Tourist reißt die Arme hoch, als hätte er eben das Finale einer Stadiontour erlebt. Münzen klirren in den Koffer, jemand ruft „Bravo!“, ein Kind im Buggy quietscht im Off-Beat. Der Platz atmet mit.
Ich beobachte, wie sich die Szene verdichtet. Keine Bühnenscheinwerfer, keine Pyros, nur Sommerlicht auf Lackschuhen, das Schimmern der Saiten und diese Unverschämtheit, Genres zu falten, bis sie zusammenpassen. „Das ist Guerilla-Marketing mit Rosinenschneidern“, sage ich halb zu mir, halb zum Strohhut. „Feinwerk statt Kanone. Erst Autorität – dann Twist. Schon bleiben alle.“
Er grinst. „Fehlt nur der Merch-Stand.“
„Kommt noch“, sage ich. „Limited Edition: Survive – Wien Mitte.“
Die Sonne drückt, aber mein Grant verdampft. Bach wird Brücke, Disco wird Augenzwinkern. Drei Minuten und ein bisschen, und der Tag hat wieder eine Dramaturgie. Die Geige wischt den Staub aus der Routine, als wäre Staub nur ein schlechter Filter.
Sie endet auf einem Ton, der stehen bleibt, obwohl er längst verklungen ist. Applaus, ein paar „Danke!“, dann zerläuft die Menge zurück in Wege, Termine, Hitze. Die Geigerin verbeugt sich winzig, schiebt den Koffer zu, trinkt einen Schluck Wasser, lacht jemanden an, den nur sie kennt.
Ich bleibe noch einen Atemzug, höre das Echo zwischen den Häusern und denke: Überleben heißt oft nur, die Melodie neu zu rahmen.
Ich sag, wie’s ist:
Diese drei Minuten am Asphalt haben mir mehr über Timing, Packaging und Haltung erzählt als drei Workshops zusammen. I will survive – sogar an einem Samstagnachmittag im August.



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