Gelassenheit auf Bestellung
- Christoph

- 24. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Gut, dieses Ereignis ist nicht taufrisch.
Liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – daran, dass ich liege. Krank.
Und zwar so richtig.
Also liege ich hier, starre an die Decke und wünsche mir nur eines:
ein paar Minuten nicht schlucken zu müssen.
(Schluckbeschwerden der anderen Art – keine Metaphern, diesmal geht’s ums Schlucken selbst.)
Während ich also so daliege, kommt mir ein Gedanke.
Nicht über meine Halsschmerzen.
Nicht darüber, dass der Tee kalt geworden ist, weil ich ihn einfach nicht trinken will.
Sondern über Gelassenheit.
Diese besondere Disziplin, die nicht jeder beherrscht, aber einer fast perfektioniert hat:
Der Postbote.
Natürlich auch die Postbotin. Oder Postmensch, wenn man’s ganz neutral sagen will.
Egal, wie man ihn nennt – er ist für mich der Zen-Meister in Gelb.
Denn stell dir vor:
Du steigst in einen Aufzug, der nach kaltem Metall riecht,
und schon beim ersten Klingeln weißt du:
Das wird kein schneller Job.
Wenn es blöd hergeht,
beginnt dein Tag damit, dass du den Aufzug rauf- und runterfahren darfst,
weil Frau Huber im dritten Stock ihre Tür erst nach dem vierten Klingeln öffnet –
natürlich nicht ohne vorher durchs Guckloch zu schauen,
um sich zu vergewissern, dass du wirklich der Postbote bist
und nicht ein Vertreter für Staubsauger, Glasreiniger oder Zeitschriftenabos.
Wenn es blöd hergeht,
triffst du beim nächsten Haus mit Garten auf einen Hund,
der ungefähr so groß ist wie ein Thermomix,
aber glaubt, er wäre ein Wolf im Rudel.
Sein Bellen füllt das halbe Viertel,
und während er sich die Seele aus dem Leib kläfft,
tritt die Haushälterin völlig entspannt heraus und sagt den legendären Satz:
„Der tut nix.“
Natürlich tut er nix – außer dir dein Trommelfell perforieren.
Wenn es blöd hergeht,
hörst du aus einer Wohnung laute Diskussionen:
„Du hast gesagt, das Paket kommt heute!“
„Ja, aber ICH kann ja nix dafür, wenn der Postler trödelt.“
Und du stehst draußen vor der Tür, mit dem Paket unterm Arm,
und überlegst, ob du einfach wieder in den Aufzug steigst und wartest,
bis die beiden sich beruhigt haben.
(Was natürlich nie passieren wird.)
Wenn es blöd hergeht,
gerätst du mitten in die Kaffeetratsch-Runde der Damen am Empfang im Erdgeschoss.
Sie erwarten nicht nur ihr Paket,
sie erwarten Gespräche.
„Na, Herr Postler, haben Sie gehört, was der Bürgermeister gestern gesagt hat?“
Und du nickst, obwohl du keine Ahnung hast,
weil es einfacher ist, als die Damen zu enttäuschen.
Währenddessen denkst du dir:
Vielleicht gibt’s bei der Post ja ein verpflichtendes Gelassenheitsseminar.
Modul 1: Lächeln, wenn du lieber schreien würdest.
Modul 2: Schweigen, wenn du am liebsten wegrennen würdest.
Modul 3: Wie du so tust, als sei dir die Welt völlig egal,
obwohl du in Wahrheit nur wissen willst, wann deine Mittagspause beginnt.
Und wenn es ganz besonders blöd hergeht,
ist der Aufzug natürlich kaputt.
Dann lernst du das Haus nicht nur Stock für Stock kennen,
sondern auch Stufe für Stufe.
Mit jedem Paket, das du schleppst,
wächst dein Bizeps – und dein inneres Mantra:
„Ich bin eins mit der Treppe. Die Treppe und ich, wir sind Freunde.“
Ich stelle mir das vor,
während ich im Bett liege,
halb fiebrig, halb philosophisch.
Und ich denke:
Vielleicht liegt die wahre Erleuchtung wirklich in diesen kleinen Momenten,
in denen du einfach nichts mehr erwartest.
Nicht, dass die Tür rechtzeitig aufgeht.
Nicht, dass der Hund still ist.
Nicht, dass jemand mal Danke sagt.
Sondern du machst einfach deinen Job –
Stockwerk für Stockwerk, Paket für Paket, Atemzug für Atemzug.
Und weil ich mich gerade frage, woher diese Gelassenheit kommt,
hab ich es neulich einem Postboten direkt gestellt:
„Sagen Sie mal, hat das vielleicht was mit diesem Film zu tun,
Wenn der Postmann dreimal klingelt?“
Er hat nur gelacht und gesagt:
„Nein, mein Herr – kein einziger Postbote den ich kenne,
ist wegen dieses Films zur Post gegangen.“
Gut, wieder was gelernt.
Ich sag, wie’s ist:
Heute hab ich mich über gar nichts aufgeregt.
Liegt vielleicht daran, dass ich nicht mal genug Energie habe, um mich aufzuregen.
Oder daran, dass ich gerade lerne,
was echte Gelassenheit bedeutet –
und dass Hollywood mit der echten Post rein gar nichts zu tun hat.



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