top of page

Ein kleines "Hallo Mama"


Es gibt diese Tage, an denen du am Dienstag schon weißt: Das ist er – der beste Tag der Woche.

Nicht weil etwas Großes ansteht, kein beruflicher Durchbruch, kein spektakuläres Abenteuer. Sondern weil er einfach so kommt, unscheinbar, mit einem schönen Moment im Gepäck.


Heute war wieder so ein Tag.

Ich war zu Fuß unterwegs, durch einen Park in einem Randbezirk von Wien. Das Wetter? Perfekt. Nicht zu heiß, nicht zu kalt – so ein Spätsommertag, an dem das Licht weich durch die Bäume fällt und man das Gefühl hat, dass alles, was gerade wächst, nochmal aufblüht, bevor es in den Herbst übergeht. Ich war müde. Kein richtiges Ziel, einfach nur spazieren. Irgendwann setze ich mich auf eine Bank. Schau in die Luft. Tue nichts. Denke nichts. So wie man es viel zu selten macht.


Und dann, plötzlich, eine Stimme hinter mir.

„Haben Sie ein kleines Mädchen gesehen? Blonde Haare, drei Jahre alt? Ich hab kurz nicht hingeschaut – und meine Tochter war weg!“

In ihrer Stimme lag pure Panik. Sie zeigt auf eine Sandkiste in der Nähe: „Sie war da… in der Sandkiste… und jetzt… weg. Sie heißt Clara.“


Ich springe auf, so schnell war ich schon lange nicht mehr auf den Beinen:

„Es tut mir leid, ich hab sie nicht gesehen. Aber machen Sie sich keine Sorgen – auf geht’s, wir finden Clara!“

Ich kann das fast locker sagen. Ist ja nicht das erste mal, dass ich bei der Kindersuche helfe!


Sie zeigt mir auf dem Handy ein Foto – erst heute Morgen aufgenommen. Sie schickt´s mir gleich per Airdrop. Clara: blonde Locken, großes Lächeln, das Gesicht eines kleinen Menschen, der noch nicht weiß, wie sehr er geliebt wird.

Wir teilen uns auf.


„Clara? Claaaraaa? Clara, wo bist du?“

Ich frage Menschen, schaue in jede Sandkiste, auf jede Wiese. Zum Glück kenne ich diesen Park. Ich weiß, wo Kinder gerne spielen. Und dann, nach nicht einmal fünf Minuten, stehe ich an einer weiteren Sandkiste. Viele kleine Mädchen spielen dort. Ich ziehe das Handy hervor, schaue auf das Foto… und da ist sie.


Clara.

Sie sitzt völlig entspannt im Sand, neben einem anderen kleinen Mädchen. Vor ihnen ein winziger Kinderwagen, in dem eine Stoffpuppe liegt. Clara plaudert, lacht.


Und in diesem Moment kommt auch ihre Mutter angerannt. Vollkommen außer sich, völlig aufgelöst. Und Clara? Dreht nur den Kopf, sieht ihre Mama an und sagt:

„Hallo Mama.“

Das war’s. Kein Weinen, kein Drama. Nur ein beiläufiges „Hallo Mama“, als würde sie sagen: Mach dir keine Sorgen, ich hab doch nur mit meiner neuen Freundin die Location gewechselt.


Und in meinem Kopf höre ich Clara in 12 Jahren, pubertär und genervt:

„Jetzt mach keinen Wind… sei nicht peinlich.“


Aber heute war sie einfach nur drei Jahre alt. Und ich kann beide Seiten verstehen: Die Mutter, deren Herz in diesen Minuten wohl kurz stehen geblieben ist. Und Clara, für die die Welt so groß und spannend ist, dass man schon mal vergisst, Bescheid zu sagen.


Als ich mich umdrehe, um weiterzugehen, sehe ich die beiden. Die Mutter kniet im Sand, umarmt ihre Tochter. Und Clara? Lächelt, als wäre nichts gewesen. Und das ist es, was zählt: Mama hat Clara wieder, Clara hat eine neue Freundin – und ich habe ein Lächeln auf den Lippen.


Ich gehe weiter, leiser als vorher, dankbarer.

Manchmal ist das Glück eben nicht laut.

Manchmal ist es einfach nur ein kleines „Hallo Mama.“


Ich sag, wie’s ist:

Dieser Dienstag ...der Rest des Tages konnte mir nichts mehr anhaben!

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page