Ich bin sowas von Opfer.
- Christoph

- 1. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
(Oder: Wenn Gucci stolpert und Insta live ist.)

Gestern. Stadt.
Ich seh eine junge Dame.
Handy vor’s Gesicht gepresst, voll im Videocall voll im Vorwärtsgang. Aufgestylt von oben bis unten, Trainingsanzug – wahrscheinlich Gucci, Balenciaga oder irgendein TikTok-approved Label, das ich nur dann kenne, wenn’s sein muss. Haare blond, streng zurückgebunden – so wie’s halt sein muss, wenn man sportlich wirken will, ohne jemals geschwitzt zu haben.
Sporty Spice 2025 trifft Großstadt-Diva mit 4 Kameralinsen am Handy..
Sie wirkt wie ein Meme, das sich selbst streamt. Und plötzlich – als ob das Universum auf „Slapstick“ umgeschaltet hätte –stolpert sie, schreit im selben Atemzug:
„Ich bin sowas von Opfer!“...
und liegt im nächsten Moment wie ein fallengelassenes Ringlicht quer am Gehweg.
Ich zögere kurz. Nicht, weil ich’s witzig finde – sondern weil ich wirklich nicht sicher bin, ob das Teil der Show ist. Aber ich entschließe mich zu helfen. Wie man’s halt macht.
Oldschool. Analog. Ohne Filter.
Ich geh hin. Sie sitzt schon halb wieder, schaut auf – kleine Platzwunde an der Lippe. Nix Tragisches, aber ich denk mir im Stillen: Die Lippe wäre auch von selbst irgendwann explodiert – rein charakterlich gesehen. 😏
Dann zischt’s aus ihrem Mund:„Boah! Wie lost! Alter hast du das ausgecheckt?“
Ich helfe ihr hoch. Sie nimmt meine Hand, schaut mir aber nicht in die Augen, sondern direkt – natürlich – auf ihr Handy. Samsung Galaxy Dingsbums.
Sie dreht’s, wischt’s ab wie eine frisch gebohnert Gucci-Fußsohle, und ruft entsetzt:
„Biiiitte, lass des Display ganz sein! I treff mi dann mo min Heli - wir wolltn noch a paar stories machen.
Ich sag nix.Ich will heim.
Aber dann kommt sie auf die Idee des Tages:
„Wart, bleib no kurz – können wir a Insta-Story draus machen? Helfer-Content kommt ur gut grad – is so wholesome und real, weißt?“
Sie zückt das Handy, schaltet zur Selfie-Cam, setzt das leidende Duckface auf und sagt:
„Sag einfach nur: ‚#RetterInNot‘, ok?“
Und in dem Moment, während sie ihr Handy ausrichtet, denk ich kurz:
Sind wir – also wir alle im Marketing, in Werbung, Social Media, Kommunikation – vielleicht ein bissl selbst schuld daran, dass solche einzigartigen Menschen überhaupt durch die Straßen laufen, immer auf der Suche nach einer Story, einem Filter, einem Sinn in 15 Sekunden?
Vielleicht haben wir zu gut gearbeitet. Zu viel Drama verkauft. Zu viele „authentische“ Kampagnen gebaut, die jetzt genau solche Szenen als Realität verkaufen.
Ich denk an meinen alten Slogan:„Emotion sells“...und frage mich ernsthaft, ob das da gerade die emotionale Kernzielgruppe mit Bluetooth war, die vor mir auf dem Asphalt lag.
Und als sie sich gerade ins Licht dreht, streicht sie sich mit zwei Fingern ein Haar aus dem Gesicht – und überprüft, ob das Blut auf der Lippe vielleicht als Lip Tint durchgeht.
Es ist ein neuer Selfie-Move. Ich nenn ihn intern: #Woundfluencer.
Und dann kommt’s richtig:
„Boah Oida bitte du bist sowas von 2000...geht eh schnell. Und meine Follower würden´s abfeiern!“
Ich: „Nein.“Sie: „Wieso geeeeh, biiitte!“
Ich: „Fotos von mir zerstören Displays.“
Sie: „Geil! Überschrift: Älterer Mann hilft Influencerin. No front verstehs net falsch. 'Älterer Mann' kommt aber besser. Würd die Jackie auch sagen, meine Freundin – die hat 3.500 Follower."
Ich: Follower*innen wenn schon, aber ich bleib bei Nein. Grüße an Jackie. Und an Heli.“ 👋
Ich sag, wie’s ist:
Die echte Hilfe kam ohne Skript.
Und der einzige „Crack“ war nicht im Display – sondern im System.
Und da bekomme ich Mails, in denen ich gefragt werde, warum ich einen Blog schreibe...
das muss verarbeitet werden ...das Leben...



Ich hätte sowas von gelacht🤣