Ich kenne jetzt Ronaldo persönlich
- Christoph

- 22. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Manchmal frage ich mich wirklich,
ob ich so eine Art Magnet für skurrile Begegnungen mit kleinen Menschen bin.
Es gibt Menschen, die spazieren unbehelligt durch die Stadt.
Sie gehen in ein Geschäft, kaufen, was sie brauchen,
setzen sich irgendwo hin,
und das war’s –
ein ganz normaler Tag.
Und dann gibt es mich.
Wenn man mein Leben filmisch darstellen würde,
bräuchte man vermutlich nicht einmal einen Drehbuchautor.
Man müsste nur eine Kamera auf mich richten –
der Rest passiert von ganz allein.
Ich weiß nicht, woran es liegt.
Vielleicht hab ich diese Art Gesicht,
bei dem fremde Menschen automatisch denken:
„Ah, der hat bestimmt Zeit, Lust und Interesse,
sich jetzt meine Geschichte anzuhören.“
Oder ich trage unsichtbar ein Schild vor mir her:
„Bitte ansprechen – ich kann unmöglich nein sagen.“
Heute war wieder so ein Tag.
Die Sonne stand warm über der Stadt,
das Licht hatte diesen goldenen Spätsommerglanz,
und ich wollte einfach nur fünf Minuten Pause.
Eine Bank, ein bisschen Ruhe,
vielleicht den Leuten beim Vorbeigehen zuschauen.
Mehr nicht.
Ich entdecke eine Bank in der Fußgängerzone.
Darauf sitzen bereits eine Mutter und ein kleiner Junge,
vielleicht sechs Jahre alt,
in den Händen fest umklammert ein Stofftier.
Es sieht aus, als hätte es schon einige Abenteuer hinter sich:
ein leicht schief angenähtes Ohr,
das Fell an manchen Stellen abgewetzt,
ein treuer Blick, der sagt:
„Ich hab schon Dinge gesehen,
die du dir nicht vorstellen kannst.“
Ich lächle höflich und frage:
„Entschuldigung, ist hier noch frei?“
Die Mutter lächelt. „Ja, klar.“Der Junge schaut mich ernst an – und sagt: „Nein.“
Ich bleibe mitten in der Bewegung stehen.
„Ähm … nein?“ wiederhole ich vorsichtig.
Er zeigt auf die leere Stelle neben sich.
„Da sitzt Ronaldo. Der braucht Platz.“
Ich starre auf das Stofftier.
„Ah … Ronaldo.“
„Ja, der ist heute ziemlich müde.
Der hatte Training.“
Ich räuspere mich, verbeuge mich leicht in Richtung Stofftier und sage feierlich:
„Entschuldige bitte, Ronaldo.“
Der Junge mustert mich streng,
als wolle er prüfen,
ob ich genug Respekt gezeigt habe.
Dann nickt er gnädig
und rutscht ein paar Zentimeter zur Seite.
„Na gut. Aber nur, weil du dich entschuldigt hast.“
Ich setze mich vorsichtig.
Wir sitzen still da.
Die Mutter seufzt.
„Er nimmt das mit Ronaldo sehr ernst.“
Ich grinse. „Ich kenn Erwachsene,
die nehmen andere Dinge genauso ernst.
Und bei denen ist nicht mal ein Stofftier im Spiel.“
Plötzlich lehnt sich der Junge zu mir.
„Wie heißt du?“
„Christoph.“
Er nickt bedächtig. „Hm. Geht so.“
Bevor ich mich frage,
ob das jetzt ein Kompliment ist,
kommt die nächste Frage:
„Hast du auch einen Ronaldo?“
„Nein, ich hab keinen Ronaldo.“
„Warum nicht?“
„Weil ich … nie einen hatte.“
Der Junge sieht mich an, als hätte ich gerade gestanden,
dass ich noch nie Schokolade gegessen habe.
„Jeder sollte einen Ronaldo haben.“
„Einen echten oder so wie deinen?“ „So einen wie meinen. Echte Ronaldos sind zu teuer.“
Und in diesem Moment denke ich mir:
Hallo!? Der junge Mann ist vielleicht sechs Jahre alt!
Irgendwo muss er das doch herhaben –
sein Vater, der große Bruder …
irgendwer in der Familie liebt offenbar Fußball.
Wenn der mal 14 ist …
viel Spaß! Das wirkt jetzt schon verdächtig nach hyperintelligent.
Ich nicke ernst. „Da hast du recht.“
Er schaut mich direkt an. „Spielst du Fußball?“
„Früher mal ein bisschen. Aber heute nicht mehr.“
„Hast du einen Lieblingsverein?“
Und ohne nachzudenken schieße ich zurück:
„Es gibt viele tolle Vereine –
aber der Meisterteller in Österreich muss nach Hütteldorf, zu Rapid Wien.“
Der Junge blinzelt, als würde er die Worte sortieren,
und ich bin mir nicht sicher, ob er verstanden hat, was ich da gerade gesagt habe.
Aber ich musste es einfach loswerden.
Er zuckt mit den Schultern.
„Ronaldo spielt nicht bei Rapid.“
„Stimmt,“ sage ich,
„aber vielleicht sollte er.“
Die Mutter schüttelt nur den Kopf, als wolle sie sagen:
„Frag besser nicht weiter.“
Als ich später aufstehe und weitergehe,
denke ich mir:
Es gibt Begegnungen,
die dauern nur ein paar Minuten,
und trotzdem begleiten sie dich den ganzen Tag.
Wie Ronaldo.
Oder Rapid.
Oder beides zusammen.
Ich sag, wie's ist:
Heute habe ich gelernt:
Manchmal sitzen die besten Geschichten
direkt neben dir auf der Bank –
Egal ob Ronaldo I, Ronald II oder Ronaldinho



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