Ich wollte nur vorbei.Wirklich!
- Christoph

- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Eigentlich wollte ich nur schnell durch. Wirklich!
Schon ein paar Tage her.
Rein ins Geschäft.
Teil suchen. Raus.
Keine Beratung. Kein Gespräch. Kein „Was meinen Sie?“.
Man kennt mich.
Ich komme selten rein und bleibe selten lang.
Ich bewege mich durch Modehäuser wie ein diskreter Schatten mit Ziel.
Eh schon in Eile und musste noch durch die ganze Damenabteilung durch.
Und dann standen sie da.
Zwei Frauen.
Vor einem Spiegel.
Ein Kostüm.
Marineblau.
Mit diesem Schnitt, der entweder „Vorstandsetage“ oder „Bezirksparteitag“ schreit – je nach Licht.
„Ist das business genug?“
„Zu streng?“
„Oder wirkt es billig?“
„Oder wirkt es zu bemüht nicht billig?“
Die Verkäuferin stand daneben.
Lächeln eingefroren.
Augen leicht glasig.
Man sah förmlich, wie sie innerlich dachte:
Bitte entscheidet euch einfach.
Ich wollte nur vorbei. Seitlich. Unsichtbar.
Und während ich mich an der Spiegelkante vorbeischiebe, murmele ich – mehr in die Luft als in Richtung Mensch:
„Sieht gut aus.“
Leicht. Flüchtig. Unverbindlich.
Ich schwöre, ich dachte nicht, dass das jemand hört.
Eine hörte es. Sie dreht sich blitzartig um.
„Wie bitte?“
Ich: „Ähm … ich wollte nur durch.“
Sie: „Nein, Sie haben was gesagt.“
Die Freundin: „Er hat gesagt, es sieht gut aus.“
Die Verkäuferin blickt plötzlich sehr wach.
Ich: „Das war nicht als offizielles Statement gedacht.“
Sie: „Aber Sie sind doch ein Mann.“
Ich: „Ja, das kann ich nicht leugnen.“
Sie tritt einen Schritt näher.
„Also? Business genug? Oder zu streng?“
Ich schaue auf das Kostüm.
Dann auf die Haltung.
Dann auf die Schuhe.
Dann auf den Gesichtsausdruck.
„Das Kostüm ist business“, sage ich vorsichtig, „die Frage ist nur, ob Sie das sein wollen.“
Stille.
Freundin: „Was soll das heißen?“
Ich: „Wenn Sie es anhaben und überlegen, ob es business genug ist, dann sind Sie es schon. Wenn Sie es anhaben und denken: Ich fühl mich verkleidet – dann ist es das falsche.“
Die Verkäuferin nickt minimal.
Sie hätte es vermutlich ähnlich formuliert.
Nur weniger philosophisch.
„Und wirkt es billig?“ fragt sie.
Ich schaue sie an.
„Nein. Aber unsicher.“
Freundin: „Siehst du!“
Sie dreht sich wieder zum Spiegel.
Streckt die Schultern.
Zieht den Blazzer, oder wie dieses Ding bei Frauen heisst, gerade.
Atmet anders.
Plötzlich wirkt es anders.
„Jetzt?“
Ich: „Jetzt wirkt es wie eine Entscheidung.“
Die Verkäuferin strahlt.
Ich sehe förmlich, wie sie innerlich Provision rechnet.
Freundin flüstert: „Woher wissen Sie das alles?“
Ich: „Ich weiß gar nichts. Ich rede nur.“
Sie lacht.
Und plötzlich bin ich es.
Der Mediator.
Der Modeberater.
Der spontane Stil-Coach.
Ich wollte wirklich nur vorbei.
„Was meinen Sie zu den Knöpfen?“
„Und zu den Schultern?“
„Wirkt das autoritär?“
„Oder sympathisch-autoritär?“
Ich schaue auf die Verkäuferin.
Sie schaut mich an.
Dieses stille Bündnis zwischen zwei Menschen, die wissen:
Jetzt sind wir da drin.
Ich lehne mich leicht zurück.
„Wenn Sie die Knöpfe diskutieren, ist das Kostüm nicht das Problem.“
Freundin lacht laut.
„Er hat recht!“
Ich: „Ich sage nicht, dass ich recht habe. Ich sage nur, dass Sie schon wissen, was Sie wollen.“
Und genau da sehe ich es. Dieses kleine Aufrichten. Diese Mini-Entscheidung.
„Ich nehm’s.“
Verkäuferin fast gerührt: „Eine sehr gute Wahl.“
Sie dreht sich noch einmal zu mir.
„Danke. Wirklich.“
Ich hebe abwehrend die Hände.
„Ich wollte nur vorbei.“
Freundin: „Typisch. Männer sagen immer was im Vorbeigehen und dann…“
Ich: „… hängen sie drin.“
Wir lachen.
Ich gehe weiter.
Mein eigentliches Ziel fast vergessen.
Und während ich zur Kassa gehe, denke ich mir:
Wer mich kennt, weiß – ich komme halt in solche Situationen.
Ich hinterfrage das gar nicht mehr.
Ich sag wie’s ist:
Manchmal reicht ein halber Satz im Vorbeigehen –
und du bist plötzlich Modeberater wider Willen.



Kommentare