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Ich wollte nur ungezähmt sein


Eigentlich wollte ich heute nur eines:

Ein bestimmtes Parfum kaufen.

Ein klarer, simpler Plan.

Rein in die Parfümerie, Namen sagen, bezahlen, raus –

ohne Umwege, ohne Diskussion,

einfach schnell. Ein Wunschtraum.

Gut liegt vielleicht auch an mir😀


Dieses Parfum hat mir jemand empfohlen mit den Worten:

„Das passt perfekt zu dir.“

Und weil ich mich in der Duftwelt ungefähr so gut auskenne

wie ein Faultier beim Parkourlauf,

halte ich mich an Bewährtes.


Das Ziel war also klar:

die blaue Flasche.

Der Name heißt auf Deutsch übersetzt glaube ich sowas wie „ungezähmt“.

Ein bisschen Freiheit, ein bisschen Wildheit –

genau das, was man braucht, wenn man eigentlich nur normal riechen will.


Ich betrete also die Parfümerie.

Es ist still.

Kein anderer Kunde in Sicht.

Nur drei Verkäuferinnen –

die sofort die Köpfe heben und mich gleichzeitig fixieren.

Das fühlt sich nicht nach Beratung an.

Das fühlt sich nach Beutezug an.


Ich lächle höflich:

„Hallo, ich suche dieses eine Parfum.“

Kurze Pause.

Dann das Stirnrunzeln.

„Oh … das führen wir leider nicht mehr.“


Innerlich denke ich: Okay, schade, dann bestelle ich es online.

Äußerlich sage ich: „Danke, dann nicht.“

Und drehe mich zur Tür.


Doch plötzlich – zack! –

steht Verkäuferin Nummer 3 vor mir.

Wie eine Türsteherin in High Heels.

Sie sagt kein Wort,

aber ihr Blick bedeutet eindeutig:

„Hier kommt keiner raus, ohne was zu kaufen.“


Ich drehe mich langsam wieder um –

und merke, dass ich jetzt komplett im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe.

Drei Verkäuferinnen, eine Mission:

Mich nicht ohne Parfum entkommen lassen.


Verkäuferin Nummer 1 (überschwänglich):

„Vielleicht darf ich Ihnen etwas ganz Neues zeigen!

Es wirkt unglaublich dynamisch!“

Pfffft! – Sprühstoß Nummer eins auf mein linkes Handgelenk.


Innerlich denke ich:

Dynamisch? Ich fühle mich gerade überhaupt nicht dynamisch.

Ich will einfach nur raus. Mit der blauen Flasche. Punkt.


Verkäuferin Nummer 2 (begeistert):

„Und hier – zeitlos, elegant, wahnsinnig beliebt!“

Pfffft! – zweiter Sprühstoß, diesmal auf mein rechtes Handgelenk.


Spätestens jetzt habe ich abgeschlossen.

Ich weiß nicht mehr,

rieche ich nach dem vorgeschlagenen Parfum

oder nach der Überdosis,

die die Verkäuferinnen selbst auf ihrer Kleidung tragen.


Und dann, als wäre das nicht genug,

tritt plötzlich eine wildfremde Kundin aus dem Hintergrund hervor.

„Entschuldigen Sie,“ sagt sie strahlend,

„aber ich hätte da noch einen Vorschlag.

Sie wirken so … weltmännisch!“

Pfffft! – dritter Sprühstoß, diesmal direkt auf meine Krawatte.

Nebenbei fühle ich mich gar nicht weltmännisch - eher wie ein kleiner Bub, der von Mama und Oma zwangseingekleidet wird.


Ich stehe hier wie ein Reh im Scheinwerferlicht,

umzingelt von Parfumflaschen und bewaffneten Duft-Profis.

Laut sage ich:

„Danke, aber ich suche wirklich nur diese eine Flasche.“

Die Dame nickt verständnisvoll.

„Oh, das verstehe ich.

Aber probieren kann ja nicht schaden!“

Und schon duftet mein Hemd wie eine tropische Obstplantage,

die in einem Nadelwald campiert.


Mein Status jetzt:

Linke Hand: Frische Zitrusnote.

Rechte Hand: „Mysteriöse Herbstnacht“.

Krawatte: Spa-Behandlung in der Thermenregion.

Hemd: ein Mix aus Moschus und „Was zur Hölle war das gerade?“.


Und mittendrin ich –

überfordert, freundlich lächelnd

und heimlich auf der Suche nach einem Notausgang.


Ich schaffe es irgendwann, mich zu bedanken

und Richtung Tür zu gehen –

die dritte Verkäuferin tritt schließlich zur Seite,

so als hätte ich ein geheimes Level in einem Computerspiel bestanden.


Auf dem Heimweg zieht mein Duft eine unsichtbare Wolke hinter mir her.

Passanten drehen sich um, Hunde schnuppern interessiert,

und ich fühle mich wie eine lebendige Parfümerie auf zwei Beinen.


Angekommen, reiße ich Hemd und Krawatte runter,

springe unter die Dusche und denke nur:

„Alles weg. Neustart.“


Ich sag, wie’s ist:

Ich wollte nur das Parfum in der blauen Flasche.

Jetzt hab ich keins –

aber immerhin weiß ich, wie ein tropischer Fruchtcocktail auf Weltreise riecht.

 
 
 

1 Kommentar

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ZipZog
22. Sept. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

🤣 Auch wenn Dir nicht zum Lachen war, fand es witzig beim Lesen

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