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Im Sinne des Dialogs

(Oder: Vielleicht brauchen wir weniger Meinung – und mehr Menschen, die "bitte" sagen)

Freunde, Freunde, Freunde …

Ich war in der Innenstadt. Zu Fuß.

Und wie es halt so ist, wenn man an einem Samstag in der Stadt nur eine Kleinigkeit erledigen will:Man läuft direkt in eine Demo rein.

Aber keine Sorge – ich hol jetzt nicht den Grundrechte-Sprech raus oder ein Referat über Demokratie als Staatsform.

Ich sag nur:

Es war voll.

Also wirklich: voll-voll.

So, als hätte jemand „Bühne frei für alle Anliegen dieser Welt“ geschrien.


Ich glaube, es war eine Art Sammeldemo.

Ich hab Schilder gesehen mit „Queer Rights“, „Gay in Heavy Metal“, „Free Palästina“, irgendwas Kurdisches, ein Plakat mit „Mehr Limosorten jetzt!“ – bin mir aber nicht sicher, ob das nicht einfach Werbung war.


Nochmal, damit’s keine Leser:innenpost hagelt:

Ich bewerte das nicht.

Ich schreibe nur auf, was war.

Ich bin der Reporter meiner eigenen Irrwege.


Also: Ich stehe da im Fußgänger-Stau und schaue automatisch Richtung Boden – damit ich niemandem hinten in die Achillessehne laufe (was wirklich wehtut, frag nicht).

Und dann stockt es.

Ich schau hoch.

Vor mir zwei Westen. Rückenansicht. Zwei Polizistinnen.


Auf beiden steht in fetten Lettern:

Dialogteam.


Mein erster Gedanke:

Ist das Satire?

Mein zweiter:

Wow, wir brauchen offenbar offizielle Teams, damit Leute wieder miteinander reden.

Und eigentlich ist das traurig.

Oder gut.

Oder traurig, aber immerhin mit Einsatzweste.


Ich mein – ich schreib das seit Jahren:

Uns fehlt der Diskurs.

Wir schreien, posten, deuten Screenshots aus 2013.

Aber reden? Eher nicht.


Dabei geht’s gar nicht darum, wie viele Geschlechter es gibt, oder wer im Nahostkonflikt recht hat.

Es geht darum, dass man vielleicht mal ein bisschen zuhört.

Oder zumindest vorher kurz atmet, bevor man jemandem das Mikro aus der Hand reißt.


Lieb sein. Das Leben ist kurz.

Ich sag’s immer wieder.


Einen Tag später:

Wieder Innenstadt.

Wieder Demo.

(Wenn du öfter in Wien unterwegs bist, musst du entweder Demo-Slalom fahren oder Umarmungssicher sein.)


Diesmal viele brasilianische Flaggen.

Ich dachte: Ah cool, WM?

Aber nein – war irgendwas mit Regenwald, vielleicht auch Clubkultur. Ich hab’s nicht verstanden.


Was ich verstanden hab: Ich komm wieder nicht durch. Also nehm ich einen Schleichweg – fühl mich fast wie MacGyver mit Google Maps – und was ist?

Ich steh. Wieder.

Weil die Karawane genau dort weitergezogen ist, wo ich rauskomme.


Alles gesperrt.

Aber ich sehe sie:

Zwei Uniformierte.

Am Rücken: Dialogteam.


Ich also hin. Höflich wie ein Boyband-Mitglied aus den 90ern.

„Entschuldigen Sie, kein Durchkommen mehr?“ Die eine Polizistin, kühl wie ein Tiefkühlregal: „Wir haben schon abgesperrt.“

Ich nicke ernst und sag:

„Im Sinne des Dialogs … ich hab’s sehr eilig. Nichts Lebensbedrohliches, Frau Inspektor. Keine große Geschichte. Nur ehrlich zu Ihnen.“

Kurze Pause.

Sie schaut mich an, als hätte ich soeben „Lied für dich“ von Helene Fischer zitiert.

Die zweite sagt gar nichts – macht nur die Absperrung auf und meint:

„Im Sinne des Dialogs – fahren Sie durch. Und einen tollen Tag noch. Was immer jetzt bei Ihnen eilig ist.“

Ich war so perplex, ich hab mich fast bedankt mit: „Schön, dass wir drüber gesprochen haben.“


Und dann dachte ich:

Vielleicht brauchen wir mehr Dialogteams.


Nicht nur bei Demos.

Sondern überall.


Zum Beispiel im Supermarkt:

Wenn jemand während des Bezahlens noch kurz Zigaretten holen geht.

Da bräuchte es den Emotionsthermometerbeauftragten.

Der steht daneben, misst die Stimmung und verteilt – je nach Eskalation – Schokolade oder Schimpfwortverbot.


Oder im Büro:

Wenn jemand auf deine PowerPoint Folie schreibt: „Ich hab’s nochmal leserlich gemacht.“

Ein Fall für den Ironie-Dolmetscher mit eingebautem Sarkasmus-Filter.


Oder bei Elternabenden.

Da wo man nie weiß, ob die Wortmeldung „Ich will ja nix sagen, aber…“

bald mit einem Megafon endet.


Es braucht Berufe wie:


Konflikt-Kellner: serviert Vermittlung in drei Gängen.

Zwischenton-Techniker: hört mit, bevor’s kracht.

Smalltalk-Sanitäter: rettet Gespräche am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Diskurs-Gärtner: stutzt Meinungen, aber liebevoll.

Shitstorm-Schlichter: vermittelt zwischen WhatsApp-Gruppen und explodierenden Emojis.

Argumentationscoach: hilft, wenn man zum dritten Mal sagt: „Ich finde halt einfach…“


Und höflich sein – sowieso.

Bin ich immer.

Auch wenn meine Sprache manchmal irritiert und mein Humor nicht auf jeder Frequenz empfangen wird.

Aber hey – im Sinne des Dialogs: ich arbeite dran.

 
 
 

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