Kaffee und Krisen.
- Christoph

- 10. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit

Freunde, Freunde, Freunde…
Es gibt Tage, da braucht man nur eins: Koffein.Ich auf der Autobahn, Termin im Nacken, Puls irgendwo zwischen „jetzt“ und „gleich ist zu spät“.Die Raststätte erscheint wie eine göttlich geführte CRM-Kampagne mit dem Call-to-Action:„Hier gibt’s Kaffee.“
Ich rein, Automat: kaputt.Zettel:„Technik darf auch mal loslassen.“Ja gut, ich nicht.
Also weiter ins Bistro.Ich bestelle:„Ein Cappuccino, bitte. Zum Mitnehmen.“
Die Frau hinterm Tresen mustert mich. So richtig.Dann kommt’s – völlig aus dem Nichts:
„Leben Sie eigentlich alleine?“
Ich:Verdutzt. Alarmstufe Rot. Ein Flirt? Eine sektenähnliche Einladung? Eine Fangfrage?Sie merkt meine Unsicherheit – lacht leise und sagt:
„Ich frage nur wegen Ihres Outfits. Sehr schick. Cooler blauer Anzug, mutiges Tuch am Handgelenk. Irgendwie gemacht – aber nicht gemacht-gemacht. Sie haben heute früh offenbar niemanden gehabt, der sagt: Nimm das andere Hemd.“
Freunde. Ich war überrumpelt. Zielgruppe ja, aber so genau wollte ich nicht analysiert werden – nicht vor dem ersten Schluck Kaffee.
Ich stammele irgendwas zwischen „Danke“ und „Äh… das mit dem Tuch war intuitiv.“
Sie grinst:„Ich studier Meinungsforschung. Noch im Fernkurs. Aber hier, an der Tanke, hab ich mehr echte Daten.“
Und ich denke: Natürlich. Die Frau kennt mehr Markenwahrnehmung pro Blickkontakt als so manche Werbeagentur nach drei Wochen Fokusgruppe.
Dann sagt sie:„Ihr Cappuccino kommt gleich. Ich hab extra das Latte-Art-Herz genommen – das beruhigt Solo-Reisende immer ein bisschen.“
Ich bleibe sitzen. Natürlich.Weil das hier nicht nur ein Tankstopp ist. Das ist ein Zwischenstopp fürs Ego.
Ich beobachte.
Da kommt er rein.
Ein Mann, 50 plus, vielleicht auch schon 60 – schwer zu sagen.Ferrari-Schlüssel locker in der Hand.Designer-Hoodie. Sehr schwarz. Sehr sauber. Sehr teuer. Sneakers wie aus dem Karton.Sonnenbrille auf dem Kopf. Drinnen.Die Frisur? Ein Kompromiss zwischen Gel und Hoffnung.
Sie sieht ihn.Sie sieht mich. Dann sagt sie leise, wie ein Fazit:
„Dritte Midlifecrisis.“
Ich blicke zu ihr.Sie erklärt:
„Die erste ist mit 40 – da kaufen sie Motorräder.Die zweite mit 50 – das ist die Sportwagen-Phase.Und die dritte… na ja. Da tragen sie den Ferrari. Am Schlüssel. Im Gang. Im Ego.“
Der Mann bestellt einen Cortado. Auf Englisch.Mit einem Tonfall, als wolle er sich selbst beeindrucken.Sie fragt ihn, völlig beiläufig:
„Wenn Sie sich selbst als Musikrichtung beschreiben müssten – eher House oder Jazz?“
Er braucht einen Moment.Dann sagt er:„Beides. Je nach Tagesform.“
Sie reicht ihm den Kaffee – legt einen kleinen Keks in Herzform obendrauf.Dann sagt sie trocken:
„Passt. Sieht aus wie was – macht aber nicht satt.“
Er schaut irritiert.Versucht zu lächeln.Scheitert. Und geht.
Ich schau sie an. „Was kommt nach der dritten Midlifecrisis?“, frage ich.
Sie zuckt die Schultern:„Wenn’s gut läuft: Selbsterkenntnis.Wenn nicht: Retreat auf Ibiza und ein Podcast über Männlichkeit.“
Und ja – klar komm ich jetzt zu spät. Aber ich nenne es: Akademisches Viertel.
Das gibt’s wirklich – Dozent*innen kommen da mit 15 Minuten Verspätung und wirken dadurch nur wichtiger.
Ich komm also später. Aber mit einer Erkenntnis:
Wenn dir eine Frau hinter der Theke dein Outfit liest wie einen Moodboard-Pitch,und ein fremder Mann seine Lebensphase mit House & Jazz vertont,dann warst du nicht einfach Kaffee holen. Dann warst du in der sozialpsychologischen Nebelzone zwischen Espresso und Ego.
Ich sag’s, wie’s ist: Ich wollte nur einen Cappuccino.Jetzt hab ich eine Zielgruppenanalyse, eine Altersstudie und eine Keks-Pointe erlebt.Und ich bin mir sicher: Wenn die Frau hinter dem Tresen ihr Meinungsforschungs-Diplom irgendwann bekommt,gründen Marken Chefredaktionen nur, um ihr zuzuhören. Mit Herz. Und sehr wenig Zucker.



Einfach herrlich geschrieben
Mal wieder schön gelacht