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Wenn der große Becher plötzlich klein ist…



Man könnte meinen, nach 27 Cappuccini auf Haus kennt man alle Gesetze der Kaffeephysik. Ich war mir sicher: Der große Becher, mein treuer Gefährte, würde heute wieder dampfend auf mich warten. Nummer 27 von 30 – fast schon eine mystische Zahl, kurz vor der heiligen 30, wo mein Gratis-Märchen enden soll.


Doch heute, der Schock. Statt des majestätischen großen Cappuccino-Bechers, der wie ein Pokal über den Tresen gereicht wird, stellte mir mein Student hinter der Maschine ein mittleres Exemplar hin. So unschuldig, so selbstverständlich, als sei nichts dabei. „Große Becher sind aus“, sagte er und setzte schon an zu einer Grundsatzrede über Lieferschwierigkeiten, Weltwirtschaft und den drohenden Untergang des westlichen Kaffeegenusses.


Ich stoppte ihn sofort: „Bitte verschone mich! Vielleicht hat einfach nur jemand in China eine Zigarette geraucht, zu lange in die Sonne geschaut und die Palette verpasst. Fertig. 100 Millionen Möglichkeiten – und alle klingen weniger dramatisch.“


Er konterte trocken: „Im mittleren Becher ist eh genau die gleiche Menge drin.“

Na sicher! Das klang nach der McDonald’s-Pommes-Logik: kleine Packung, große Packung, irgendwo dazwischen verschwindet eine Handvoll und keiner merkt’s. Ich stellte mir vor, wie irgendwo ein geheimes Komitee sitzt und entscheidet, dass wir uns an die Mogelpackung gewöhnen sollen.


Aber natürlich hörte das der Chef, mein Wette-Partner, der Meister über die 30 Cappuccini. Und er verstand sofort, dass jetzt die Stunde der „Customer Relationship“ gekommen war – ja genau, dieses Marketing-Geschwurbel, das besagt, dass es teurer ist, einen neuen Kunden zu gewinnen, als einen bestehenden zu halten. Ich sah, wie er im Kopf 1 und 1 zusammenzählte.


Seine Lösung war einfach wie genial: „Der Herr Christoph bekommt heute zwei mittlere Cappuccini. Und von mir persönlich ein Croissant.“

So nämlich.


Ich musste lachen. Die anderen in der Schlange auch. Neben mir eine junge Frau, die schon ungeduldig aufs Handy starrte, so als könnte man einen Cappuccino herbeiwischen wie eine WhatsApp-Nachricht. Ein älterer Herr tippte mit dem Stock nervös auf den Boden, als würde er gleich selbst hinter die Maschine greifen, um endlich an seinen Verlängerter zu kommen. Und zwei Schüler diskutierten ernsthaft, ob Kakao eigentlich unter die Kaffeekategorie fällt – während ich überlegte, ob ich nach 27 Gratis-Cappuccini mittlerweile nicht zum Inventar des Lokals gehöre. Vielleicht sollte ich bald einen eigenen Hocker bekommen.


Und dann saß ich da, mit meinen zwei mittleren Cappuccini und dem Croissant. Zwei Becher, die mich anlachten, als wollten sie sagen: „Was regst du dich eigentlich auf?“ Vielleicht hatte der Student ja recht, vielleicht steckt wirklich die gleiche Menge drin. Aber seien wir ehrlich: es ist wie mit der Liebe – manchmal entscheidet nicht der Inhalt, sondern einfach das Gefühl....


Und das Gefühl, einen Gratis-Cappuccino nach dem anderen einzusacken, ist sowieso unbezahlbar.


Ich sag, wie’s ist:

Morgen hole ich mir Nummer 28. Und ja, eine neue Wette muss auch her – schließlich will ich die nächsten 30 nicht bezahlen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

 
 
 

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