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Hundert – und kein bisschen weiser


Zahlen sind eigenartige Wesen.

Manchmal fühlen sie sich riesig an, manchmal winzig – und oft hängt das weniger von der Zahl selbst ab als davon, wie wir sie betrachten.


Wenn in Indien gleichzeitig 100.000 Fahrräder umfallen, macht das auf dieser Welt ein leises „Pling“. Beeindruckend? Vielleicht.

Aber für mich hier, auf meinem Sofa, hat es ungefähr so viel Auswirkung wie ein umgekipptes Müsli in einem Haushalt, der nicht meiner ist.


Wenn ich dagegen an einer Supermarktkassa zehn Minuten warten muss, kann das alles verändern:

Vielleicht verpasse ich dadurch meinen Flug, vielleicht gewinne ich zehn Minuten zum Nachdenken – oder ich verbringe sie damit, mich über das sehr umfangreiche Kaugummi-Angebot im Kassenbereich zu wundern.

Zehn Minuten: mal unendlich wichtig, mal völlig egal.


Oder nehmen wir eine einzige Person.

Nur eine.

Wenn diese eine sich plötzlich in Luft auflösen würde, wäre das manchmal kein großes Thema – außer, es ist jemand, der dir sehr wichtig ist.

Dann fühlt sich „eine“ plötzlich an wie die ganze Welt.


Und so ist das eben mit Zahlen:

Sie sind nicht einfach nur Mengenangaben.

Sie sind Stimmungen, Geschichten, kleine Katastrophen oder auch große Gelassenheit – je nachdem, wie man auf sie schaut.


Und genau deswegen schreibe ich heute über die Zahl 100.

Nicht, weil ich plötzlich mathematisch begabt geworden bin. (war ich nie, nebenbei)

Sondern weil mir mein Blog gestern eine Statistik vor die Nase gehalten hat –

so eine trockene Auswertung, wie sie Buchhalter vermutlich als Liebesbrief verschicken würden.

Da stand es schwarz auf weiß: 99 veröffentlichte Texte.


Ich habe gestaunt, kurz nachgezählt, dann wieder gezählt und gedacht: Na servas, das könnt ja wirklich stimmen!

Bis zu diesem Moment hatte ich nicht im Traum daran gedacht.

Ich schrieb einfach jeden Tag, ohne zu zählen –

so wie man nicht mitzählt, wie oft man blinzelt, oder wie oft man denkt: Warum liegt dieser Zettel immer noch hier?


Doch plötzlich war sie da, die Zahl: 99.

Und mit ihr eine unausgesprochene Frage, die fast ein bisschen feierlich klang:

„Na, was machst du jetzt mit der Hundert?“


Hundert.

Diese Zahl klingt gewaltig.

Majestätisch.

Wie ein König, der sich auf seinen Thron setzt und dabei erwartet, dass jemand Konfetti wirft. Andererseits – ganz nüchtern betrachtet – ist sie nur drei Ziffern hintereinander:

eine Eins, die sich wichtig macht, während hinter ihr zwei Nullen stehen und ihr still zujubeln – wie Background-Tänzerinnen bei einer etwas müden Pop-Show.


Hundert kann alles sein.

Hundert Jahre – und alle sagen: Boah, Wahnsinn, was für ein Leben!

Hundert Euro – nett, aber dafür kriegst du heutzutage nicht mal mehr einen halbwegs anständigen Einkauf im Supermart.

Hundert Likes auf Instagram – je nach Tagesform entweder „Oh mein Gott, ich bin ein Star!“ oder „Warum so wenige? Ich lösch das Bild wieder.“

Hundert Regentropfen – romantisch, wenn man sie an der Fensterscheibe zählt.

Hundert Mückenstiche – apokalyptisch, wenn sie am eigenen Körper landen.


Und jetzt also fast hundert Blogeinträge.

Man könnte meinen, das sei viel.

Ein kleines Jubiläum.

Aber ganz ehrlich: Es fühlt sich nicht nach hundert an.

Eher wie ein langer Spaziergang, bei dem man irgendwann merkt, dass man schon seit Stunden unterwegs ist – und plötzlich fragt:

Wie bin ich eigentlich hierhergekommen?


Vielleicht liegt es daran, dass ich nie auf die Zahl geachtet habe.

Ich war so damit beschäftigt, jeden Tag zu schreiben, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie sich die Texte heimlich aufgestapelt haben.

Wie Socken in der Waschmaschine.

Man legt immer nur einen dazu, denkt sich nichts dabei – und plötzlich hat man ein ganzes Fach voller einzelner, die nicht mehr zusammenpassen.


Ich habe mir vorgestellt, wie das wäre, wenn ich die Hundert bewusst zelebrieren würde.

Mit Countdown und Feuerwerk.

So eine Art Silvester, nur eben mitten im Jahr.

Vielleicht mit einem imaginären Moderator, der sagt:

„Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie: den hundertsten Blogeintrag!“

Und dann kommt er rein, ein bisschen schüchtern, trägt einen Anzug, der an den Nähten zwickt, und flüstert:

„Ähm… danke, dass ich hier sein darf.“

Und alle klatschen höflich.

Dann isst er ein Stück Kuchen, und wir tun so, als wäre das völlig normal.


Aber so wird es nicht sein.

Kein Feuerwerk, kein Kuchen.

Nur ich, der hier sitzt, schreibt und sich denkt:

Na gut, dann eben so.


Vielleicht ist das ja auch die wahre Bedeutung der Hundert:

Sie ist groß genug, dass man sie feiern könnte –

aber unscheinbar genug, dass man es auch einfach lassen kann.


Es erinnert mich an diese Leute, die stolz verkünden:

„Heute genau 100 Tage ohne Zucker!“

Und ich sitze da, schiebe mir eine Cheesecake-Schnecke rein und denke:

Das ist schön für dich – aber wozu die runde Zahl?

Wäre 97 nicht genauso beeindruckend?


Hundert ist eben nur dann besonders, wenn man es zu etwas Besonderem macht.

Sonst ist sie einfach… naja, eine Zahl.

Eine Eins, die sich vor zwei Nullen stellt und so tut, als wäre sie jetzt plötzlich eine VIP.


Ich sag, wie’s ist:

Bis heute waren es 99 Texte.

Und genau dieser hier – ja, der, den du gerade liest – wird der hundertste.

In der Sekunde, in der ich auf „Veröffentlichen“ klicke.


Klick!..und vielleicht 1 👍....😀


 
 
 

2 Kommentare

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Mia
10. Sept. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Das ging wirklich schnell mit den 100 Blogbeiträgen… toll…jeden Tag!

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Christoph
11. Sept. 2025
Antwort an

Hi Mia! Schön das du diesen Blog liest und danke für deine E-Mail. Wie ich im Text geschrieben habe. Fällt mir gar nicht auf. In Wirklichkeit ist mir nur im Nachhinein aufgefallen, was in den letzten 100 Tagen nicht passiert ist. Das emotionalisiert mich manchmal noch mehr..aber das ist eine andere Geschichte. Hab einen schönen Tag! Christoph

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