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Lieb sein – aber bitte nicht naiv


„Lieb sein. Das Leben ist kurz.“


Ich weiß, ich weiß.

Klingt nach Kalenderblatt neben Sonnenuntergang und einer Tasse Tee.


Und trotzdem.

Ich meine es ernst.


Nicht dieses aufgesetzte „nett sein“, das man sich überzieht wie ein zu enges Sakko bei einer Veranstaltung, auf die man eigentlich nicht wollte.

Ich meine wirklich lieb.


Im Sinne von:

Respekt.

Aufmerksamkeit.

Wahrnehmen.


Dieses kurze Innehalten, wenn jemand spricht.

Dieses Handy-weglegen, obwohl es vibriert.

Dieses ehrliche „Wie geht’s dir?“, bei dem man nicht schon die Antwort weiß, bevor sie kommt.


Ich fahre gut damit. Wirklich.

Gutes kommt oft zurück.

Nicht immer sofort.

Nicht immer vom selben Menschen.

Aber es kommt.


Wie ein leiser Bumerang, der nicht knallt, sondern einfach wieder da ist.

Allerdings – und das musste ich lernen – funktioniert dieser Satz nicht überall.


Es gibt Menschen, bei denen kannst du lieb sein, wie du willst.

Sie nehmen es.

Sie nicken.

Sie lächeln.

Und verbuchen es unter „selbstverständlich“.


Da kommt nichts zurück.

Gar nichts.


Oder nur dann, wenn sie dich brauchen. Wenn es ihnen passt.

Wenn sie gerade ein Pflaster, ein Ohr, Nähe, eine Idee oder eine Bestätigung brauchen.


Und wenn sie das nicht mehr brauchen, zumindest?

Dann kannst du lieb sein, so viel du willst – im wahrsten Sinne des Wortes, nicht nett – lieb.

Und sie spucken dich aus wie ein Hustenbonbon.


Wie dieses berühmte Schweizer Kräuterzuckerl mit dem Slogan „Wer hat’s erfunden?“

(Und ja, wir wissen alle: Ricola.)


Du bist plötzlich nur noch das Papierl, das man zusammenknüllt, nachdem der Geschmack nachlässt.


Nicht dramatisch.

Nicht böse.

Nur… erledigt.


Und genau da wird „lieb sein“ spannend.


Denn dann geht es nicht mehr um den anderen.

Sondern um dich.


Bleibst du lieb, weil du etwas zurückhaben willst?

Oder bleibst du lieb, weil du so bist?


Das ist ein Unterschied.

Ein feiner. Aber entscheidender.

Ich habe irgendwann verstanden:

Lieb sein ist kein Tauschgeschäft.


Es ist keine Investition mit garantierter Rendite.

Es ist kein Punkte-Konto.

Und schon gar kein strategisches Instrument.

Es ist auch wieder eine Haltung.


Und ja – manchmal fühlt man sich dabei wie ein Trottel.

Wie der Einzige, der noch glaubt, dass man Türen aufhält, obwohl keiner Danke sagt.

Dass man zuhört, obwohl keiner fragt, wie es einem selbst geht.


Aber weißt du was? Ich bleibe dabei.


Nicht blind.

Nicht naiv.

Nicht grenzenlos.


Ich habe gelernt, dass „lieb sein“ nicht bedeutet, alles mitzumachen.

Es bedeutet auch nicht, sich ausnutzen zu lassen.

Und schon gar nicht, sich klein zu machen.


Man kann lieb sein und klar.

Lieb sein und konsequent.

Lieb sein und trotzdem sagen: „Bis hierher. Und nicht weiter.“

Das ist vielleicht die erwachsene Version dieses Satzes.


Und wenn jemand es nicht erkennt?

Nicht erwidert?

Nicht würdigt?


Dann ist das keine Niederlage. Dann ist das nur eine Information.

Und die nehme ich inzwischen fast genauso gelassen wie ein Bonbon, das seinen Geschmack verloren hat.


Ich sag wie’s ist:

Lieb sein ist kein Schwächezeichen.

Aber es ist auch kein Freifahrtschein für andere

 
 
 

2 Kommentare

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Moni (Rosi)
13. März
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Und wieder einmal greifst Du ein Thema auf, das mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, aber immer weniger gelebt wird.

Und man spürt es einfach, ob Menschen wirklich von Herzen lieb sind, das ein Teil ihres Charakters ist, oder ob sie lieb sind weil sie es müssen bzw. es von ihnen erwartet wird.

Ich selbst lebe genau nach diesem Prinzip weil es mir von Herzen wichtig ist und weil ich auch nicht anders kann. Jeder Memsch hat in erster Linie verdient, das man ihm lieb begegnet und ohne Vorurteile.

Gerade Respekt und Aufmerksamkeit lassen gefühlt immer mehr nach in der Gesellschaft.

Ich finde lieb sein, so wie du es beschreibst umso wichtiger zwischen uns Menschen, umso mehr die Technologie fortschreitet.

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Christoph
13. März
Antwort an

Wir bekommen viele Dinge gar nicht mehr mit. Lieb sein ist schwer, wenn man nicht mehr weiß was man für wahr nehmen kann....Und die Angstmacher sind unter uns...überall....nicht nur auf Telegram 😉 In unsicheren Zeiten, ich denke zu einem Stück leben wir darin, gewinnen die die lauter Brüllen und die Unsicheren in ihre Blase ziehen....aber auch die geben vor lieb zu sein...sie wollen ja nur das Beste für uns..... JO GENAU🤔

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