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„Alle manipulieren uns. Außer die, die mir recht geben.“


Ist doch klar.

Die öffentlich-rechtlichen Medien manipulieren uns.

Die Politik sowieso.

Unsichtbare Mächte.

Eliten.

Geheime Zirkel mit schlecht beleuchteten Konferenzräumen und vermutlich immer zu kaltem Mineralwasser.


Man kann ja gar nichts mehr glauben.

Also glauben wir das.

Dass man nichts mehr glauben kann.


Und dann?

Dann glauben wir plötzlich wieder alles.


Nur halt woanders.


Ein Hoch auf die Alternativmedien!

Endlich sagt’s mal wer!

Endlich spricht jemand die Wahrheit aus!

Endlich bekomme ich erklärt, warum ich mich ohnehin schon so fühle!


Und genau da wird’s interessant.


Wir glauben nicht mehr das, was überprüfbar ist.

Wir glauben das, was sich richtig anfühlt.

Richtig im Sinne von: Das passt zu meiner Angst.

Zu meinem Ärger.

Zu meinem Gefühl, dass da draußen irgendwas nicht stimmt.


Und wenn etwas nicht zu diesem Gefühl passt?

Dann ist es manipulativ.

Systemgesteuert.

Mainstream.

Gekauft.

Geframed.


Wenn jemand sagt: „Vielleicht ist es komplexer?“

Dann ist er ein Systemklon.


Wenn jemand sagt: „Vielleicht stimmt das so nicht?“

Dann ist er ein Schwurbler.


Praktisch, oder?


Die Welt wird übersichtlich.

Du brauchst keine Grautöne mehr.

Nur noch zwei Schubladen.

Und ein bisschen Empörung.


Das Problem ist nur:

Die, die sich als Alternative definieren, werden irgendwann selbst zum System.


Je mehr sie sich abschotten, desto homogener wird ihre Meinung.

Je mehr sie sagen „Wir sind anders“, desto ähnlicher werden sie sich.

Und irgendwann gibt es auch dort sowas wie Eliten.

Nur heißen sie anders.


Nicht „Mainstream“.

Sondern „die, die es wirklich verstanden haben“.


Und wehe, du stellst dort Fragen.

Dann bist du plötzlich…

na was wohl?

Teil des Problems.


Es ist fast rührend.

Wir werfen den einen vor, sie würden Narrative bauen –

und bauen uns gleichzeitig unsere eigenen.


Wir kritisieren Filterblasen –

und dekorieren unsere mit besonders dekorativem Zweifel.


Wir sagen: „Denk selbst!“

Und meinen eigentlich: „Denk wie ich.“


Und das Absurde daran?

Beide Seiten fühlen sich rebellisch.

Beide fühlen sich wach.

Beide glauben, sie hätten hinter den Vorhang geblickt.


Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht bei öffentlich-rechtlich oder alternativ.

Vielleicht liegt es bei uns.


Wir glauben bevorzugt das, was unsere Angst bestätigt.

Was unser Weltbild stabilisiert.

Was unser Gefühl von Kontrolle stärkt.


Das, was uns widerspricht, wird nicht geprüft.

Es wird abgelehnt.


Und so entstehen zwei Lager, die sich gegenseitig Manipulation vorwerfen

und dabei exakt dasselbe Spiel spielen.


Nur mit anderem Logo.

Ich erhebe keinen Zeigefinger. Wirklich nicht. Ich beobachte nur.


Je mehr wir die „anderen“ ausschließen, desto mehr schaffen wir Räume,

in denen sich vermeintliche Wahrheiten ungestört vermehren.


Und irgendwann sitzen dort Menschen,

die genau das tun, was sie ursprünglich kritisiert haben.


Macht ausüben.

Deutungshoheit beanspruchen.

Abweichler ausschließen.


Es ist fast poetisch.

Und ein bisschen tragikomisch.


Vielleicht wäre es klüger, nicht sofort zu entscheiden, wer manipuliert,

sondern erst mal zu fragen:

Warum passt mir diese Information gerade so gut?


Warum beruhigt sie mich?

Warum regt sie mich auf?

Warum will ich, dass sie stimmt?


Das ist unbequem.

Aber unbequem ist oft ehrlicher als empört.


Ich sag wie’s ist:

Nicht alles, was mir recht gibt, ist wahr.

Und nicht alles, was mich triggert, ist falsch.


Und vielleicht beginnt echte Freiheit nicht damit, wem ich glaube.

Sondern damit, wie sehr ich bereit bin, mich selbst zu hinterfragen.

 
 
 

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