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Ich hab da was aufgemacht. Mich.

(oder: Was eine Box weiß, das kein Algorithmus kann)

Freunde, Freunde, Freunde...

Ich wollte eigentlich nur meine Segelschuhe finden. Die echten, nicht diese Modeversionen mit weißen Nähten und Lifestyle-Ambitionen, sondern die mit den Salzrändern, die mir beim Anziehen zuflüstern:

„Weißt du noch? Windstärke 5 unter Segel, Meerenge von Gibraltar im Nebel, 4 Uhr morgens und am Radar gefühlt 50 Tanker, die nicht mal ansatzweise merken würden, wenn sie über deine 13 Meter drüberdampfen – wir gegen die Welt.“


Also: Kasten auf. Der Blick tief rein.

Links ein altes Objektiv, 50 mm Fixbrennweite, Canon.

Rechts ein einsames Paar Socken (Socken!), das vermutlich auf sein Lebensende wartet –

und dann ganz hinten:

Diese Metallbox.


Groß wie eine halbe Bierkiste, nur anders im Format. Mit einem rostigen Verschluss für ein Vorhängeschloss.

Kein Schloss drauf.

Aber sofort das Gefühl:

Vergangenheit. Und zwar meine.

Ich wusste sofort, was da drin ist. Oder besser: was drin sein könnte.

Denn ganz sicher war ich mir nicht. Ich hab sie gefühlt ewig nicht geöffnet.

Und wenn man sich beim Aufmachen selbst begegnet, braucht man zwei Dinge:

Mut und Zeit.


Ich hatte beides. Einigermaßen.

Ich setz mich also hin. Langsam. Und ich öffne sie.

Und da ist alles.

Alles, was irgendwie durch die Jahre geschlüpft ist.


Ein Brief von ihr. An mich. Mama.

Damals, als ich ungefähr 16 war und die Welt nicht verstand – also eigentlich täglich.

Den hat sie mir aufs Kopfpolster gelegt, weil sie mir etwas sagen wollte, das bleibt.

Zum Nachlesen. Für immer, faktisch.

Und ich kann mich erinnern: Das hat gewirkt.😀


Dazwischen ein Schnuller … viel zu hightech, als dass es meiner gewesen sein könnte.🤔


Dann das leicht zerknitterte Foto vom vermutlich schönsten Mädchen der Schule.

Und nein, das ist nicht meine Meinung – das war damals quasi demokratischer Konsens unter uns Burschen.

Alle sagten das. Wirklich alle.

Was hinten draufsteht?

Nun ja – der Genießer schweigt.

Obwohl … was soll ein 17-jähriges Mädchen Ende der 80er schon Weltbewegendes auf die Rückseite eines Fotos schreiben?

Aber für mich war’s Weltliteratur. Damals. Und irgendwie auch heute noch.

Ich finde einen Interrail-Pass. Und ich kann tatsächlich anhand der Stempel und Kritzeleien nachvollziehen, an welchem Ort ich an welchem Tag war – mit meinem Freund Mathias aus Bad Driburg in der damals noch BRD.

Ein ganzes Sommerrad, in einem kleinen Heft.

Und ich war wirklich überall.

Mit wenig Gepäck, dafür viel Hunger aufs Leben –

und keiner Ahnung, dass ich irgendwann Blogs schreiben würde über genau das.


Und dann … liegt da noch eine kleine, gelbe Ente.

Für die Badewanne.

Was die da drinnen macht? Keine Ahnung.

Moment.

Ich glaube, ich kann's erahnen – aber mehr dazu gibt’s hier jetzt nicht.

Ein bisschen Privatsphäre muss selbst in einem öffentlichen Blog sein.


Und zwischendrin: viele, viele Briefe.

Liebesbriefe,

Nicht-mehr-Liebesbriefe,

Freundschaftssätze,

peinliche Gedichte.

Und ein Zettel mit einem einfachen:

„Hab einen wunderschönen Tag, wir sehen uns am Abend …“

Trägt meine Handschrift, mit meinem Signature-Zeichen, das aussieht wie ein Herz

Soll mir einer mal erklären …

Markenidentität irgendwo zwischen „hat Potenzial“ und „braucht Update“. Aber echt.

Ich überlege, wie das alles in einem CV aussehen würde.

Wenn mich jemand fragt: „Was sind Ihre Stärken?“

Tja – ich bleibe in stressigen Situationen ruhig.

Hab den Überblick.

Meine Handschrift ist unlesbar – dafür meine Haltung umso klarer.

Ich kann navigieren, im echten wie im übertragenen Sinn.

Und ja, ich hebe kleine Zettel auf, wenn sie ein Gefühl speichern.

Das kann man nicht googeln.

Das muss man erleben.

Die Box erzählt keine perfekte Geschichte. Aber eine echte.

Und wenn meine Vergangenheit ein Werbespot wär –

dann sicher kein glattgebügelter Hochglanzclip mit Sprecherstimme aus dem Off.

Eher ein bisschen verwackelt, mit echter Musik

und einer Szene, wo man beim Lachen fast den Text vergisst –

aber die Geschichte nie.


Corporate Identity: Echtheit mit Spielraum.

Claim: „Weiß immer mehr, wo’s hingeht – und auf jeden Fall, wie’s war.“


Und dann sitz ich da.

Mit der Box.

Mit mir.


Und ich denke mir:

Vielleicht sind solche Boxen gar nicht so schlecht.

Weil dieses ständige digitale Erinnerungsbombardement – am Handy,

mit Bildern, auf denen du mehr als fraglich aussiehst,

und Meldungen, die klingen wie:

„Schau mal, vor x Jahren hast du etwas erlebt mit jemandem,

der längst beschlossen hat, dass du nicht mehr zu seinem Leben gehörst“ –

das braucht man nicht täglich.


Diese Box dagegen –

die bleibt still.

Die ruft nicht.

Aber sie antwortet, wenn man sie aufmacht.

Und manchmal reicht das.


Ich sag, wie’s ist:

Manchmal findet man zwischen alten Segelschuhen genau den Teil von sich,

den man fast vergessen hätte.

Und das ist gar nicht so wenig.

„Wenn die Vergangenheit so viel zu bieten hat – dann wird die Zukunft sicher spannend.

Ich wäre dann mal soweit😀🔜👍🥹“ Obwohl das war ich immer!

 
 
 

3 Kommentare

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Natalie
25. Juni 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ich kenne niemanden der so viele Facetten hat wie du…und wenn ich das sagen darf…nicht ganz der Einfachste.. ups😂 und wenn du jemanden in dein Herz lässt…für die gehst du durchs Feuer….meld ich mal Natalie

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Fredi
25. Juni 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Die Box gibt es tatsächlich oder sind diese Geschichten alle nur erfunden?

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Christoph
25. Juni 2025
Antwort an

Ja die gibt es tatsächlich! 🙂

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