Milchschaum, Menschen, Marketing
- Christoph

- 15. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
(Oder: Warum ein Cappuccino manchmal mehr sagt als tausend Schaumzeichnungen)

Freunde, Freunde, Freunde...
Sonntag, 9:20 Uhr.
Ich sitze im Palmenhaus – mitten im Burggarten, gleich neben dem Schmetterlingshaus. Einer dieser Orte, die selbst Wiener:innen auf Instagram schöner finden als im echten Leben. Aber heute ist es wirklich schön.
Morgensonne durch die Glaskuppel, Palmen rauschen leise, ein Spatz fliegt orientierungslos über meinen Kopf. Ich habe Glück. Denn eigentlich bekommst du hier zwischen 11:00 und 16:00 Uhr nicht mal einen Platz im Aschenbecher – so voll ist es. Reservieren? Vergiss es. Heute bin ich einfach nur früh dran. Und hungrig auf Ruhe.
Ich bestelle Cappuccino. Und ein stilles Wasser. Warum? Keine Ahnung. Weil ich’s immer bestelle.
Und dann passiert’s: Der Cappuccino kommt. Ohne Herz. Ohne Palme. Ohne Blume. Einfach nur Milchschaum – blank. Kein Zeichen, keine versteckte Liebesbotschaft, kein „Namaste aus dem Siebträger“.
Ich bin gerührt. Weil ich es nicht mehr gewohnt bin. Denn offenbar zählt man in dieser Stadt schon zur Hochrisikogruppe für Kaffeekunst, wenn man sich einfach nur einen Kaffee bestellt – ohne Dekoabsicht.
„Ein Cappuccino, der nichts sagt – vielleicht ist das das ehrlichste Gespräch des Tages.“
Ich nehme den ersten Schluck. Er ist heiß. Er ist stark. Er ist gut. Und das reicht.
Ein älteres Paar schaut sich suchend um. Der Herr fragt den Kellner – Verzeihung, den Ober –, ob hier noch was frei sei. Der Ober schaut zu mir. Ich nicke. Sie setzen sich an den Nebentisch.
Die Dame fragt interessiert:„Was trinken Sie da? Melange?“Ich schüttle den Kopf.„Cappuccino.“ Der Ober, inzwischen wieder am Tisch, wirft trocken ein:
„Wenn Sie heut’ noch Fiaker fahren, würd’ ich Ihnen einen Einspänner empfehlen. Das sind unsere Philosophen.“
Alle lachen. Ich auch. Sie nehmen natürlich die Melange.
„Schließlich ist man ja in Wien!“, sagt die Dame und fotografiert ihre Tasse, in der sich ein perfektes Herz in die Oberfläche schmiegt. Ich sehe hin – und bin dankbar, dass mein Kaffee heute einfach nur Kaffee war und bestelle noch einen...
„Manchmal ist ein ehrlicher Cappuccino alles, was man braucht. Keine Message. Kein Manifest. Nur Wachwerden.“
Schon fast bereit zu zahlen, sehe ich sie:
Frau Prof. L. von der Fachhochschule. Mit Kind, Kegel, Buggy, Schwiegermutter – und einem Lächeln im Gesicht. Sie kommt rüber, stellt mich ihrer Familie vor und sagt:
„Das ist übrigens Christoph M. – der ist überall, hält ständig ‚nur‘ Gastvorträge und irgendwo ist er Head of Marketing." Und grinst dabei.
Ich grinse. Natürlich.
Dann fragt sie, halb im Vorbeigehen:„Hätten Sie Zeit und Lust, bei mir mal einen Gastvortrag zu halten? Marketing. Irgendwas Ungewöhnliches.“
Das glaubst du nicht ;-) Zuerst sich lustig machen und dann....
Ich überlege nicht lange. Schaue in meinen Cappuccino, zucke mit den Schultern und sage:
„Wie wär’s mit: ‚TikTok, Tussi, Therapie – Warum jede Zwölfjährige heute Influencerin werden will.“Ein bisschen Theorie. Ein bisschen Wahnsinn. Und sehr viel Wirklichkeit.
Sie bleibt kurz stehen, nickt, lacht.„Perfekt. Ich meld mich.“
Eine Szene jagt die nächste. Die neue Dame am Nebentisch bestellt Matcha-Tee und ein Glas Prosecco und fragt den Ober, wie viel ein Ticket für die Wiener Linien kostet.
Der antwortet trocken:
„Keine Ahnung, gnädige Frau – ich bin Schwarzfahrer.“
Ich nehme das als Zeichen. „Herr Ober, kann ich zahlen bitte?“ Den Schmäh mit dem „Können“ erspare ich an dieser Stelle. Das geht besser.
Ich sag’s, wie’s ist: Manchmal reicht ein Cappuccino ohne Herz, ein Ober mit Haltung –und eine Professorin mit Humor, um weiterzuziehen...



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