top of page

Mit Milchschaum und ohne Namen


Ich wollte heute über was ernsteres schreiben...aber ich lass das mal für heute zu verrückt der Tag und zu groß die Müdigkeit..😴


Also was anderes!


Manchmal frage ich mich.

Oder besser gesagt – man fragt mich.


Heute zum Beispiel.

Sonntag. Acht Uhr früh. Paris.

Dimanche. Tag des Herrn.

Und ich stehe – mangels Alternativen – in dieser amerikanischen Kaffeehauskette, die eigentlich mehr Lifestyle-Inszenierung mit Heißgetränkebeilage ist.


Du weißt schon welche.

Die mit der ritualisierten Frage nach deinem Namen.


Marketingtechnisch brillant, das muss man ihnen lassen. Nähe erzeugen. Personalisierung simulieren. Hoffen, dass ich meinen Cappuccino-Becher mit „Christoph“ drauf fotografiere und irgendwo poste. Kostenloser Content. Emotionaler Mehrwert. Hashtag Community.


Nice try, Freunde.


Also rein da.

Der Laden: leer.

Wirklich leer. So leer, dass selbst das WLAN gelangweilt wirkte.


Die Mitarbeiterin mit dem aus dem Schulungsmodul „Authentisches Lächeln – Level 1“ übrig gebliebenen Dauergrinsen:

„Darf ich deinen Namen wissen?“

Ich, ganz unschuldig:

„Wozu?“

Stille.


Diese Art von Stille, die man sonst nur kennt, wenn jemand im Lift furzt und niemand weiß, wie man diplomatisch reagiert.

„Ähhhh… damit wir dann wissen, wer was bekommt.“

Ich schaue mich um.

„Der Laden ist leer.“

Man konnte hören, wie irgendwo im Hintergrund ein interner Leitfaden kollabierte.

Aber gut. Bestellung.


Hier beginnt ja das eigentliche Abenteuer.

Du gehst rein für einen Cappuccino – und wirst konfrontiert mit einer Getränkearchitektur, die komplexer ist als ein EU-Förderantrag.


„Welche Größe? Tall, Grande, Venti, Trenta, HyperMegaMaxi?“

Ich denke: Ich wollte Kaffee, keinen Sprachkurs.


„Mit normaler Milch, Hafermilch, Sojamilch, Mandelmilch, Kokosmilch, laktosefrei, fettfrei, halb-fettfrei, moralisch korrekt extrahiert oder emotional gereift?“


Ich stelle mir kurz vor, wie jemand bestellt:


„Ein doppelt entkoffeinierter, halb karamellisierter, mit Zimt bestäubter, handgeschäumter, temperaturoptimierter Hafer-Latte mit extra Schaumkrone, aber bitte nur auf der linken Seite des Bechers, in Venti, aber emotional eher Tall.“


Und irgendwo in Seattle nickt ein Produktentwickler zufrieden.


Ich bleibe rebellisch minimalistisch.

„Ein Cappuccino. Groß.“


Groß.

Nicht Grande.

Groß.


Ich glaube, das war mein subtiler Widerstand gegen die globale Vereinheitlichung.


Kein Vanille-Sirup.

Kein Pumpkin-Spice.

Kein Haselnuss-Karamell-Mokka-Matcha-Fusions-Upgrade.


Nur Kaffee.

Mit Milch.

Ende.


Sie tippt.

Ohne Namen.


Ein kleiner Sieg für die Anonymität.

Während sie den Kaffee macht, sehe ich diese Regale.

Becher in allen Farben, Größen, Designs.

Du kannst dir einen Thermobecher kaufen, der mehr kostet als mein erster Gebrauchtwagen.

Du kannst ihn personalisieren, gravieren lassen, ihn emotional an dich binden.


Man könnte fast glauben, man kommt wegen der Becher und bekommt den Kaffee nur dazu.


Dann steht er da. Mein Cappuccino.

Neutral. Namenlos. Fast subversiv.


Sie ruft nichts.

Kein „Christoph!“, kein falsches „Kristoff“, kein „Christopher“.

Nur ein Blick. Ein Nicken.


Ich nehme den Becher.

Und weißt du, was passiert? Nichts.


Kein Blitz.

Kein Marketing-Feuerwerk.

Kein innerer Influencer-Impuls.


Ich setze mich ans Fenster, schaue auf die noch verschlafene Straße von Paris, trinke meinen überdimensionierten Cappuccino – und stelle fest:


Vielleicht ist das der wahre Luxus.


Kein Name auf dem Becher.

Kein Foto.

Kein Post.

Kein Story-Tag.

Nur ich. Und Kaffee.


Und irgendwo in der Zentrale wundert sich vielleicht jemand, warum dieser eine Kunde nicht mitgespielt hat.


Ich sag wie’s ist:

Manchmal ist Anonymität der beste Milchschaum.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page