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Never Forget

vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

Es ist Sonntagabend. 21:15 Uhr. Ich sitze vor dem Computer und schreibe an einem Vortrag.

Ja, auch am Sonntag ist der Christoph manchmal fleißig. Man soll es kaum glauben. 😉


Und nebenbei sollte ich eigentlich noch meinen täglichen Text schreiben. Der muss schließlich um 21:30 Uhr online sein. Muss er natürlich nicht. Es gibt niemanden, der um 21:31 Uhr vor meiner Wohnungstür steht und sagt: „Malloth, wo bleibt der Text?“ (naja manchmal per E-Mail)


Aber seit 480 Tagen ist das mein eigener kleiner Anspruch. 21:30 Uhr. Zehn Minuten früher oder später spielen eigentlich keine Rolle. Aber irgendwie ist es schön, wenn man sich selbst noch ein kleines Ziel setzen kann. Oder es ist ein Anflug von Selbstdisziplin. Ich weiß es nicht.


Jedenfalls sitze ich da. Vortrag auf dem Bildschirm, Blog im Hinterkopf und Spotify läuft.

Und ja, ich gebe es zu: Ich mag Gerry Barlow. Und damit irgendwie auch ein Stück weit Take That.


Nein. Keine Sorge. Ich schreibe jetzt nicht über Boybands.

Meine Zeit, über Konzerte zu berichten, ist längst vorbei. Das ist aber wieder eine andere Geschichte. Aber zurück.


Gerade läuft „Never Forget“. Und plötzlich bleibt mein Gedanke an einem Satz hängen:

Vergiss nie, woher du kommst.

Klingt einfach Klingt nach „No na“. Und trotzdem denke ich gerade darüber nach. Denn ich sehe bei Menschen immer öfter Veränderungen. Und Veränderungen sind ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil.


Menschen verändern sich. Ich habe mich verändert. Wahrscheinlich wäre es sogar ziemlich beunruhigend, wenn wir mit 50 noch genauso wären wie mit 25. Andere Dinge werden wichtig. Andere Dinge unwichtig. Man entdeckt Neues, verliert Altes, probiert Dinge aus, verwirft sie wieder.


Das Leben macht das mit uns. Und wir machen das mit dem Leben.


Aber manchmal beobachte ich etwas, das mich irritiert. Nicht die Veränderung selbst.

Sondern wenn jemand irgendwann so tut, als hätte die frühere Version von ihm eigentlich nie existiert. Als hätte die frühere Person – mit ihren Empfindlichkeiten, Interessen, kleinen Freuden, ihrer Art, Dinge zu sehen – eigentlich nie existiert.


Und genau das erschreckt mich.

(Es gibt natürlich auch Menschen, die sehr bewusst mit ihrer Vergangenheit spielen. Die meine ich heute nicht. Die, die aus ihrer Biografie eine Heldengeschichte machen und bei jeder Gelegenheit erzählen, dass sie einmal aus armen Verhältnissen gekommen sind, gehören in eine ganz andere Kategorie.)


Mir geht es um etwas anderes. Um dieses stille Umschreiben.

Man lebt heute anders und erzählt irgendwann auch die eigene Geschichte anders. Nicht unbedingt bewusst. Vielleicht sogar völlig unbewusst. Aber plötzlich passt das Früher nicht mehr so richtig zum Heute. Und dann wird aus der Vergangenheit etwas, das man lieber nicht mehr ganz so genau anschaut.


Wir betreiben manchmal sogar mit unserer eigenen Vergangenheit Rebranding.

Das ist eigentlich ziemlich lustig. Ich kenne Rebranding schließlich aus meinem Beruf. Man nimmt eine Marke, verändert das Erscheinungsbild, schärft die Positionierung, erzählt die Geschichte neu und hofft, dass niemand mehr genau weiß, wie das Ganze vor zehn Jahren ausgesehen hat.


Bei Unternehmen funktioniert das manchmal ganz gut. Bei Menschen finde ich es schwieriger. Denn da war ja tatsächlich einmal jemand.


Mit anderen Interessen.

Mit anderen Vorstellungen.

Mit anderen kleinen Freuden.


Vielleicht mit einem kleinen Auto, das einfach seinen Zweck erfüllt hat. Es ist gefahren. Es hat einen von A nach B gebracht. Und manchmal war man schon froh, wenn es morgens überhaupt angesprungen ist. Heute reicht das natürlich nicht mehr ganz. Heute braucht man 250 PS, möglichst viel Blech und einen Innenraum, in dem wahrscheinlich ein kleines Wohnzimmer Platz hätte. Und wofür? Um damit zum Supermarkt zu fahren.


Das ist natürlich überspitzt. Aber irgendwie auch nicht ganz. Das Auto ist dabei eigentlich völlig egal. Es ist nur ein Bild für dieses schneller, höher, stärker, das mir manchmal inzwischen ziemlich fremd geworden ist.


Denn ich merke bei mir selbst, dass ich die kleinen Dinge immer mehr mag. Diese völlig unspektakulären Momente, die eigentlich keinen besonderen Wert haben. Schon gar keinen monetären.


Ein gutes Gespräch.

Ein kurzer Blick.

Ein Satz, über den man später noch lachen muss.

Ein Abend, der überhaupt nichts Besonderes war und gerade deshalb schön war.

Dafür braucht man keinen 250-PS-Motor. Eigentlich braucht man dafür überhaupt keinen Motor.


Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich den Unterschied zu früher bei manchen Menschen so deutlich wahrnehme. (Und möglicherweise ganz selten bei mir. 😂)


Und dann sitze ich da und denke mir:

Was ist eigentlich mit dieser Person passiert, die ich einmal so beeindruckend gefunden habe? Wo ist sie hin? Und genau da muss ich mich selbst bremsen. Denn es ist nicht mein Leben. Ich kenne nicht alle Gründe. Ich kenne nicht alle Entscheidungen. Ich weiß nicht, was sich im Leben eines anderen Menschen tatsächlich abgespielt hat. Und es steht mir auch nicht zu, darüber zu urteilen. Ich sehe nur das, was ich sehe.


Und vielleicht interpretiere ich sogar Dinge hinein, die überhaupt nicht da sind. Vielleicht hat sich diese Person gar nicht so verändert, wie ich glaube. Vielleicht sehe ich nur einen Ausschnitt. Vielleicht ist die frühere Person noch immer da und ich sehe sie einfach nicht mehr. Und genau dieser Gedanke ist für mich genauso unangenehm wie der andere.


Denn dann merke ich:

Auch meine Gedanken darüber können ziemlich unfair sein. Und das finde ich fast genauso widerlich. Nicht die Tatsache, dass ich etwas beobachte. Sondern dass ich daraus ziemlich schnell eine Geschichte bauen könnte. Eine Geschichte über einen anderen Menschen, von der ich gar nicht weiß, ob sie stimmt.


Und trotzdem bleibt dieses Gefühl. Dieses:

Wo ist diese Person hin?

Vielleicht ist das überhaupt das Interessante an Veränderung. Wir verändern uns alle. Aber wir erzählen unsere Veränderungen nicht immer gleich. Manche Menschen nehmen ihre Vergangenheit mit. Andere lassen sie irgendwo zurück. Und wieder andere tun vielleicht irgendwann so, als hätte es sie nie gegeben.


Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an diesem Gedanken von „Never Forget“ so hängen lässt. Es geht vielleicht gar nicht nur darum, woher man kommt. Sondern auch darum, wer man auf diesem Weg einmal war.


Das bedeutet für mich nicht, dass man für immer derselbe Mensch bleiben soll. Bitte nicht.

Ich möchte heute auch nicht mehr alles, was ich mit 25 toll fand. Und ich möchte auch nicht mein damaliges Leben zurück. Aber ich möchte mich daran erinnern können. An die Dinge, die mir damals wichtig waren.


An die Menschen.

An die kleinen Freuden.

An die Vorstellungen, die ich einmal hatte.

Auch an die Dinge, bei denen ich heute vielleicht den Kopf schüttle.

Denn sie gehören trotzdem zu mir.

Und ich schreibe nicht von Werten..das wre nochmal ein ganz anderer Text.


Und vielleicht ist genau das etwas, das wir manchmal vergessen: Man muss seine Vergangenheit nicht gut finden, um sie als Teil von sich anzuerkennen.


Man muss sie nicht romantisieren.

Man muss sie nicht ständig erzählen.

Man muss aus ihr auch keine Heldengeschichte machen.

Aber man muss sie auch nicht aus der eigenen Biografie löschen.


Vielleicht sollten wir uns manchmal daran erinnern, dass die Person, die wir heute sind, nicht vom Himmel gefallen ist. Sie ist aus all den anderen Versionen von uns entstanden. Aus den guten. Aus den schlechten. Aus den peinlichen. Aus den schönen. Aus den völlig belanglosen. Aus den kleinen Momenten, die wir längst vergessen haben. Und vielleicht sind genau diese kleinen Dinge irgendwann die einzigen, an die wir uns überhaupt noch erinnern.


Ich weiß nicht, warum mich das heute beschäftigt. Vielleicht ist es einfach Gerry Barlow. Vielleicht ist es der Sonntagabend. Vielleicht sitze ich auch einfach schon zu lange vor dem Computer. Und vielleicht sollte ich jetzt langsam wirklich den Vortrag fertig schreiben.


Und diesen täglichen Text für 21:30 Uhr. Selbstdisziplin und so. 😉


Aber einen Gedanken nehme ich aus diesem Abend mit um 21.28 Uhr:


Vergiss auch nicht, wer du selbst einmal warst.


Ich sag, wie’s ist:

Wir dürfen uns verändern, so viel wir wollen. Aber vielleicht sollten wir dabei aufpassen, dass wir nicht irgendwann unsere eigene Vergangenheit und vielleicht auch Werte so gründlich umschreiben, dass wir selbst nicht mehr wissen, wer dort eigentlich einmal gelebt hat.

 
 
 

2 Kommentare

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Barbara
vor 3 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Hallo Christoph! Wie wäre es, wenn du mal aus allen deinen Texten ein kleines Büchlein machst? Sowas wie "the best of". Nur eine Idee. Barbara

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Hannah
vor 3 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke für Deine Gedanken und mach Deinen Vortrag jetzt fertig, wenn er es nicht eh schon ist. 😉 Um was geht´s darin eigentlich? Schönen Abend dir.

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