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No cash - no thank you


Wie oft ich das heute gehört habe, weiß ich nicht mehr genau. Aber oft genug, dass es sich angefühlt hat wie ein Mantra der Gegenwart. „No cash.“ In Bäckereien. In kleinen Boutiquen. In einem charmanten Café mit so viel Patina an den Wänden, dass man meinen könnte, hier hätte noch Sartre bar bezahlt.


No cash.


Ich stand da, mit einem perfekt gefalteten Schein in der Hand – fast wie ein nostalgisches Requisit aus einem alten Film – und wurde angesehen, als hätte ich gerade versucht, mit Muscheln zu zahlen.


Ich fragte mich: Möchte ich in einer Welt leben, die nur noch aus Karten besteht? Aus Pieps-Geräuschen? Aus unsichtbaren Abbuchungen? Aus Daten, die irgendwo gespeichert werden, analysiert, kategorisiert, bewertet?


Aus Marketingsicht – ja. Natürlich ja. Daten sind Gold. Verhaltensmuster sind Diamanten. Konsumprofile sind der Stoff, aus dem Strategien gemacht werden.


Aber als kleiner Malloth – so nennen mich jene, die mich wirklich mögen – sage ich: Nein. Ich möchte das nicht.


Ich möchte nicht nur eine Transaktion sein.


Heute war ich in Paris unterwegs. Metro. Linie 1. Rushhour. Neben mir ein Mann mit Baskenmütze, der so intensiv auf sein Handy starrte, als würde dort die Weltformel stehen. Zwei Sitze weiter eine ältere Dame, die ein kleines Münzportemonnaie öffnete. Diese runden Klick-Verschlüsse. Kennt ihr die noch? Sie zählte Münzen. Ganz analog. Ganz leise. Ganz echt.


Und ich dachte mir: Das ist fast schon rebellisch.


Später, in einem kleinen Laden, wollte ich eine Kleinigkeit kaufen. „Card only.“ Natürlich. Ich zog meine Karte. Sie funktionierte. Gott sei Dank. Denn gestern – ihr erinnert euch – war mein Handy plötzlich weg. Und wenn das weg ist, kannst du um acht Uhr früh eigentlich schon „Gute Nacht“ sagen.


Ohne Handy bist du heute:

– kein Bankkunde

– kein Navigator

– kein Fotograf

– kein Ticketinhaber

– kein Bestellbestätigungsbesitzer

– und gefühlt auch kein Mensch mehr.


Ich stand da, in dieser Stadt der Lichter, und dachte mir: Wenn mir jetzt auch noch die Karte gesperrt wird, dann bin ich offiziell ein Souvenir.


Es ist schon verrückt. Bargeld war früher das Unsicherste. Man konnte es verlieren. Es konnte gestohlen werden. Es war endlich.


Heute ist es umgekehrt. Wenn dein Handy weg ist, ist nicht nur dein Geld weg. Sondern dein Zugang. Dein digitales Ich. Dein halbes Leben.


Ich stelle mir vor, wie es irgendwann heißt:

„Tut mir leid, ohne Karte kein Eintritt.“

„Ohne Wallet-App kein Kaffee.“

„Ohne Gesichtserkennung kein Guten Morgen.“


Und irgendwo sitzt dann ein kleiner Junge mit Sparschwein und wird wie ein Zeitreisender angesehen.


Versteht mich nicht falsch. Ich zahle auch kontaktlos. Ich liebe die Effizienz. Dieses elegante „Pling“. Transaktion genehmigt. Fertig.


Aber ich liebe auch das Rascheln eines Scheins. Das Gewicht einer Münze. Das Gefühl, etwas Physisches in der Hand zu haben, das nicht von einem Server abhängt, der irgendwo in einer klimatisierten Halle steht.


Heute habe ich mir aus Spaß einen Kaffee bar bezahlt. Die Verkäuferin hat mich angesehen, als hätte ich ihr ein Gedicht vorgetragen. Sie musste in einer Schublade nach Wechselgeld suchen. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen.


Und trotzdem.

Vielleicht kommt der Tag, an dem Bargeld abgeschafft ist. Vielleicht kommt der Tag, an dem du ohne deine Karte nur mehr… nur mehr gar niemand bist.


Kein Profil. Kein Verlauf. Keine Historie. Ein leerer Bildschirm.


Und vielleicht ist das die eigentliche Frage:

Wie viel von uns darf gespeichert werden, damit wir es bequem haben?

Und wie viel von uns geht verloren, wenn alles gespeichert wird?


Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur:

Ich möchte wählen können.

Zwischen Piepsen und Rascheln.

Zwischen Cloud und Münzfach.

Zwischen Datenpunkt und Mensch.


Und ganz philosophisch, während ich durch die Pariser Metro fahre und irgendwo wieder ein „No cash“ höre, denke ich:


Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Geld.

Sondern um Kontrolle.

Und um die leise Sehnsucht, nicht vollständig berechenbar zu sein.


Ich sag wie’s ist:

Ein bisschen analog steht mir ganz gut.

 
 
 

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