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"NO CAP -Herr Professor"

Aktualisiert: 6. Juni 2025


„No cap, Herr Professor – ich fühl mich so geslayed!“

(Ein Gespräch mit einer Studentin, das in eine linguistische Kernschmelze mündete.)


Ich steh nach meiner Marketing-Vorlesung am Pult, sortiere meine Notizen (ja, aus Papier – für alle unter 25: Das ist wie PDF, nur man kann’s falten), da kommt eine Studentin auf mich zu.Sie sieht aus, als käme sie gerade von einem Instagram-Coaching und sagt:„Herr Professor, können wir kurz reden? Ich hab meine Note auf die Hausarbeit bekommen… und real talk, ich fühl mich voll geslayed. Ich dachte, das Ding hittet anders!“

Ich schau sie an wie mein Drucker, wenn er „Papierstau“ meldet, obwohl gar kein Papier drin ist.


„Sie fühlen sich… geslayed?“„Ja! Ich dachte halt, die Arbeit hat Rizz. War jetzt nicht so cringe, oder?“


Rizz. Ich habe zwei Brüder, ja – ich bin also Bro mit Zertifikat. Aber was bitte ist „Rizz“? Für mich klingt das wie der Name eines Energy-Drinks mit Apfelgeschmack.Und dann diese völlige Selbstverständlichkeit, mit der Begriffe wie mid, based, NPC, delulu oder sus in den Raum geworfen werden. Ich muss mittlerweile ein Wörterbuch dabei haben, um Sätze wie „Die Brand hat mich mentally echt geflasht, war aber auch ein bisschen toxic“ zu entziffern.

Also gut, ich bleibe professionell.„Die Arbeit hatte gute Ansätze“, sage ich. „Aber Sie haben Ihre Argumentation sehr... vibe-orientiert aufgebaut. Ein bisschen mehr Struktur, weniger Insta-Stream-of-Consciousness wäre schön gewesen.“


Sie nickt, denkt kurz nach – und setzt dann zum Konter an:„Aber war schon nice formuliert, oder? Ich hab extra so geschrieben, wie ich halt auch rede.“„Schon“, sage ich, „aber wissen Sie… man darf trotzdem Satzzeichen verwenden. Es gibt kein Gesetz dagegen.“Sie schaut mich irritiert an.„Also... Beistriche und so?“„Ja. Und Sätze, die ein Verb enthalten. Und einen Punkt. Manchmal sogar zwei!“


Verstehen Sie mich nicht falsch – ich finde Sprache toll. Ich liebe Wandel, ich liebe Stilbrüche. Aber wenn ich eine Hausarbeit lese, die klingt wie ein TikTok-Kommentar („yo, das Thema hittet, aber war halt nicht deep enough, bruh“), dann frage ich mich: Wo wollen wir eigentlich hin mit all dem?


Ich meine, wir reden hier über ein Uni-Level Paper mit dem Titel „Wie uns Marken in den Irrsinn treiben“. Das klingt erstmal vielversprechend – aber wenn dann die Einleitung beginnt mit „Marken machen schon viel mit einem, digga, no joke, ich war richtig am Abkacken beim Black Friday“, dann... dann seh ich mich gedanklich mit Korrekturstift und Baldrian bewaffnet in den Sonnenuntergang reiten.


Ich bin Mitte 50. Ich kann Ironie, ich kann Satire – ich hab den Zynismus der 90er überlebt.Aber ich wünsche mir manchmal einfach nur einen ganz normalen, gut gesetzten Satz. Mit Komma. Und einem Subjekt. Subjekt ist dieses Ding, das etwas tut – wissen Sie noch?


Aber hey – die Jugend meint’s nicht böse. Sie spricht nur anders. Sie lebt schneller.Sie slayt, sheesh’t und skibidi’t sich durch die Realität.

Und ich? Ich bleibe Brofessor. Verzweifelt, aber mit Grammatik.


„Ich sag’s, wie’s ist: Wenn mir demnächst jemand 'Bro, dein Vibe ist mid' unter eine Seminararbeit schreibt, dann setz ich einfach ein Komma… und mich zur Ruhe.“





 
 
 

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